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Nationale Debatten der ‚Schlüssel’ zur EU-Kommunikation [DE]

Veröffentlicht 16. November 2009 - Aktualisiert 26. August 2010
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Die Einbindung nationaler Akteure in die Kommunikation von EU-Politik kann Debatten über europäische Fragen zwischen einfachen Bürgern anregen, so der Tenor bei den Festlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen von EurActiv gestern (12. November) im Europäischen Parlament.

Der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek betonte die Wichtigkeit, EU-Politik in den Hauptstädten Europas zu kommunizieren, und sagte: „Bei europäischer Demokratie geht es darum, mit nationalen Politikern auf einer täglichen Basis in Kontakt zu treten.“ Er fügte hinzu, dass konfrontative Debatten in der EU-Versammlung eine Möglichkeit wären, diese für Bürger ansprechender zu machen.

Auf ähnliche Art betonte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, dass die europäischen Institutionen über konkrete Fragen reden müssten, die sich auf das Leben der Menschen auswirken. „Wir müssen europäische Debatten auf die nationale Ebene tragen“, sagte er und zitierte als Beispiel die strategischen Prioritäten für 2020, „die letztendlich dazu führen werden, dass die EU durch grünes Wachstum und sozialem Zusammenhalt aus der Krise geführt wird.“

Die Dezentralisierung europäischer Debatten in den Hauptstädten

Die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Margot Wallström, verantwortlich für die EU-Kommunikationspolitik, beonte, man müsse besser zuhören, besser erklären und auf die lokale Ebene gehen.

„Wir müssen greifbar werden“, sagte die Schwedin. „Die Programme, die die Menschen benutzen, sind lokale Radio- und Fernsehstationen sowie Internetseiten“ und „dort müssen wir unsere Ressourcen einsetzen.“

Kommunikation direkt auf lokaler Ebene ist vor allem bedeutend, da „es nur sehr wenig Interesse an solch einer Dezentralisierung unter den Brüsseler Journalisten gibt, da sie Nachrichtenjournalisten sind“, fügte sie hinzu.

„Die Kommunikationsherausforderung der EU ist nicht das Gespräch auf Englisch innerhalb der Brüsseler Blase”, sondern „die radikale Dezentralisierung und Ermächtigung von Multiplikatoren“, sagte EurActiv-Herausgeber Christophe Leclercq. „Wir haben gesehen, wie die EU-Institutionen in ihren Aktivitäten professioneller geworden sind, aber das kürzliche Scheitern von Referenden über EU-Verträge zeigt, dass dies bei Weitem nicht genug ist.“

Während der Veranstaltung nannten Redakteure und Herausgeber von EurActiv ihre Empfehlungen für eine verbesserte Auseinandersetzung mit europäischen Bürgern. In Anklang an Buzeks Ansicht rief Daniela Vincenti-Mitchener, leitende Redakteurin von EurActiv.com, zu einer positiveren Rolle für nationale Parlamente auf und empfahl die Schaffung informeller Netzwerke von europäischen und nationalen Abgeordneten „um ein weiteres Ausprobieren von Politikideen über Landesgrenzen hinweg zu ermöglichen.“

Aus einer deutschen Perspektive erklärte Silvana Koch-Mehrin, eine der Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, dass „die meisten Orte in Deutschland geographisch näher an Brüssel als an Berlin liegen, aber der Wahrnehmung nach befinden sie sich sehr viel näher an Berlin.“ 

„Das muss sich ändern“, erklärte die Abgeordnete der Liberalen. Sie äußerte die Auffassung, dass die Aufteilung zwischen EU, Außenpolitik und nationalen Nachrichten am Verschwinden sei. Koch-Mehrin sagte: „Wir müssen deutlich machen, wie die Politik in Brüssel die Dinge zu Hause beeinflusst.“ 

Veränderte Wahrnehmung der Bürger ‚großes Problem’

Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments Isabelle Durant, eheamlige stellvertretende Ministerpräsidentin Belgiens (Grüne), gab zu, dass die Veränderung der Wahrnehmung der Bürger ein „großes Problem“ sei, und betonte, der Schlüssel liege darin zu betonen, dass „europäische Probleme nicht als solche europäisch sind, sondern auf nationaler und lokaler Ebene diskutiert werden sollten.“

Durant hob die Milchkrise als ein Beispiel für die Verbindung zwischen lokalen Erzeugern und Maßnahmen auf EU-Ebene hervor. „Mit einem echten Problem kann eine sehr gute lokale Diskussion über europäische Fragen hervorgerufen werden“, sagte sie.

Guy Verhofstadt, Chef der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa, stimmte jedoch auch warnende Töne an. „Ich stimme völlig damit überein, EU-Angelegenheiten auf lokaler Ebene zu diskutieren, jedoch in einer positiven Weise”, sagte er und beklagte, dass „Politiker Europa täglich auf nationaler Ebene gebrauchen, dies jedoch auf eine negative Art tun.“

„Wenn eines Tages die Europäer selbst den EU-Haushalt finanzieren, werden sie automatisch ein höheres Interesse an EU-Angelegenheiten aufbringen“, behauptete Verhofstadt, ehemaliger belgischer Ministerpräsident, und bestand darauf, dass eine direkte Gewährung von eigenen EU-Haushaltsmitteln der „beste Weg wäre, um Europa in die nationalen Köpfe und Herzen zu bringen.“

Emotionen in Brüssel ‚vergessen’

Koch-Mehrin betonte währenddessen die Bedeutung von „emotionalen Aspekten“ einer Nachricht, was ihrer Meinung nach „in Brüssel häufig vergessen wird.“

Bei den diesjährigen Europawahlen hat die Freie Demokratische Partei ihren Anteil um 80% erhöht, ein Ergebnis, das Koch-Mehrin zurückführt auf die Bereitschaft Dinge zu tun, „die als albern angesehen werden könnten, um an Emotionen anzuknüpfen“, wie eine Kolumne für ein Frauenmagazin über die Arbeit in einer Männer dominierten Umgebung zu schreiben oder im Kinder-Fernsehen aufzutreten.

„Das schafft ein Anfangsinteresse, und dann können wir das EU-Element einführen“, erklärte sie.

Bei der Veranstaltung wurden auch die ‚EurActiv Preise für nationale Debatten über Europa’ verliehen (EurActiv vom 13. November 2009).

Stellungnahmen: 

Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso bestand darauf, dass die Europäische Union seit dem Fall der Berliner Mauer demokratischer geworden sei und sagte bei der Veranstaltung am Donnerstag, dass „dank der modernen Kommunikationsmittel jetzt offene politische Debatten” über Fragen wie Klimawandel und den Umgang mit der Wirtschaftskrise möglich seien.

„EurActiv unterstützt diese Debatte zwischen Regierungen, Institutionen, Wirtschaft und Organisationen der Zivilgesellschaft, indem es ausführlich auf europäische Politik eingeht”, fügte Barroso hinzu.

Jean-Christophe Boulanger, Herausgeber von EurActiv Frankreich, sagte, dass für eine Heranführung europäischer Debatten auf die nationale Ebene „die EU-Institutionen Hunderte von Nischenmedien fördern müssen, die auf lokaler Ebene sprechen, aber Europa verstehen“.

„Es sind die Worte der Menschen, durch die die EU-Institutionen in die Köpfe der Menschen eintreten werden“, sagte er. Eine erfolgreiche Kommunikation der EU-Politik auf nationaler Ebene erfordere „die Einfütterung von Europa in nationale Debatten statt nationale Debatten nach Brüssel zu bringen“, so Radovan Geist, Chefredakteur von EurActiv Slowakei. „Man muss sich lokale Themen aussuchen und die Kommunikation dezentralisieren“, empfahl er.

Jan Vitásek, Chefredakteur von EurActiv Tschechische Republik, rief die EU-Institutionen dazu auf, „zentralisierte Propaganda zu vermeiden und auf die nationale Ebene zu gehen”, indem man mit Partnern vor Ort kooperiere. „Die Institutionen sollten nicht die Arbeit der Journalisten machen“, warnte er.

„Man muss Beamte, Politiker und Journalisten zur EU-Politik schulen und dies mit Rollen für unabhängige Moderatoren, Unterstützern von Debatten und Meinungsforschern ergänzen“, empfahl Szilvia Kalmár, Chefredakteurin von EurActiv Ungarn.

„Bleiben Sie konkret und erzählen Sie den Menschen, wie diese Information sie und ihre eigene kleine Welt betreffen wird“, riet Adrian Lungu, Chefredakteur von EurActiv Rumänien. Er empfahl den EU-Institutionen „wieder erkennbare Menschen zu fördern“ und den nationalen Vertretungen Spezialisten aus verschiedenen Generaldirektionen der Kommission „für Kommentare gegenüber Journalisten“ zur Verfügung zu stellen.

Kristina Savova, Chefredakteurin von EurActiv Bulgarien, rief die EU-Institutionen dazu auf, „gute Partner auf nationaler Ebene zu finden”, einschließlich „einflussreicher und verantwortungsvoller Medien mit einem bewiesenen Einsatz zur Erklärung von wichtigen Fragen in einfacher Sprache.”

„Die EU-Institutionen und die türkische Regierung müssen den Beitrittsprozess und dessen Auswirkungen auf die Türkei erklären“, sagte die Herausgeberin von EurActiv Türkei Zeynep Gögüs und rief Brüssel dazu auf, „sich darüber im Klaren zu sein, ob es die Türkei als EU-Mitglied haben möchte oder nicht, und dies deutlich zu sagen.“

Joachim Weidemann, Herausgeber von EurActiv Deutschland, sagte, dass EU-Debatten auf lokaler Ebene verankert werden sollten, indem man „Interessenvertreter zu Debatten über EU-Politik verpflichtet.“ Weiterhin sagte er, dass „man durch die Nutzung von Online-Medien größere Kreise erreichen kann.“

Hintergrund : 

Die ‚EurActiv Preise für nationale Debatten über Europa’ wurden den Gewinnern bei einer Preisverleihung im Europäischen Parlament gestern (12. November) überreicht.

Der französisch-deutsche Rundfunksender ARTE, das paneuropäische Bahnticket InterRail und ein Dokumentarfilm über das türkischen EU-Beitrittsgesuch gehörten zu den Preisträgern, die von EurActiv für ihren Beitrag zu Debatten über Europa ausgezeichnet wurden (EurActiv vom 13. November 2009).

In den vergangenen Jahren hat die Europäische Kommission einige Initiativen gestartet, um den zunehmenden Mangel an Vertrauen in und Interesse für das EU-Projekt zu bekämpfen.

Nach der Veröffentlichung von ‚Plan D’ aus dem Jahr 2005 als Antwort auf die institutionelle Krise, die vom ‚Nein’-Votum gegen die geplante EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden ausgelöst worden war, wurde im Jahr 2006 ein Weißbuch zur europäischen Kommunikationspolitik veröffentlicht.

‚Debate Europe’, die jüngste Initiative, startete im Frühjahr 2008 als Teil der neuen Internet- und audiovisuellen Strategien der EU-Exekutive, die vor den Wahlen zum Europäischen Parlament im Jahr 2009 an die Öffentlichkeit gingen. Es ist ein Online-Diskussionsforum, wo eingehende Beiträge in alle EU-Amtssprachen übersetzt werden.

Die Kommission eröffnete auch ihren eigenen Kanal auf YouTube und überarbeitete ihr zentrales Webportal Europa im Versuch, es benutzerfreundlicher zu gestalten (EurActiv vom 14. Juli 2009EurActiv vom 21. September 2009).

Die für Kommunikation zuständige Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Margot Wallström betont, dass die EU-Exekutive „alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel” nutzen müsse, um mit den europäischen Bürgern zu kommunizieren. Gleichzeitig erkennt sie jedoch an, dass Bürger sich „nur bei einer nationalen, regionalen und lokalen Verankerung der europäischen Debatte“ beteiligen werden und Informationen über EU-Politik und sie betreffende europäische Entscheidungen suchen werden.

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