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2. Dezember 2009
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Nicht reformiertes System Europäischer Schulen „könnte zusammenberechen” [DE][en][fr

Erschienen: Montag 23. März 2009   

Das System der Europäischen Schulen könnte „bald zusammenbrechen“ wenn es nicht reformiert würde, sagte der Vizepräsident der Europäischen Kommission Siim Kallas bei einer öffentlichen Anhörung in Brüssel letzte Woche (19. März 2009) und wies auf „alarmierende Signale“, wie den Lehrermangel, die langsamen Entscheidungsprozesse und die Unbereitschaft der Regierungen in die Infrastruktur zu investieren hin.

Hintergrund:

Interessenvertreter trafen letzte Woche (18. März 2009) in Brüssel zu einer öffentlichen Anhörung zusammen, die das Thema „Das Europäische Schulsystem: Ein Model für Mobilität und Mehrsprachigkeit“ ('The European School System: A Model of Mobility and Multilingualism') trug. Die Anhörung erfolgte auf Einladung der Mitte-Rechts gerichteten EVP und fand im Europäischen Parlament in Brüssel statt. 

Die Europäischen Schulen, an denen heute über 21.000 Schüler in 14 Schulen in Europa unterrichtet werden, wurden vom Staatsmann Jean Monnet im Jahr 1953 gegründet, um die Kinder der Angestellten der Institutionen der europäischen Union auszubilden.

Die Schulen wollten sicherstellen, dass die Schüler „Europäer [werden,] geschult und bereit, die Arbeit ihrer Väter vor ihnen zu vollenden und zu verfestigen, um ein vereintes und blühendes Europa entstehen zu lassen“, sagte Monnet zu der Zeit.

Auf einer Anhörung des Europäischen Parlaments, dass von der Mitte-Rechts gerichteten EVP-Gruppe organisiert wurde, sagte der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Siim Kallas, der für die Verwaltung verantwortlich ist, dass er einsehe, dass es ein delikates Thema sei das Europäische Schulsystem zu reformieren. Kallas fügt außerdem hinzu, wenn heute genügend politische Anreize geschaffen würden, man morgen bereits den Feinschliff erledigen könne, um ein qualitativ hochwertiges, multikulturelles und wahrlich europäisches Bildungssystem zu schaffen, dass in der gesamten EU zur Verfügung stehen würde. 

Reformprozess ist im Gange

Die Bemühungen zur Reformierung der Europäischen Schulen sind bereits seit Mitte der 2000er im Gange sagte Kallas den Interessensgruppen, die Eltern, Lehrer und Beamte der EU-Institutionen beinhalteten, und nannte die drei wichtigsten Punkte des Reformprozesses:

  • Entbürokratisierung der Entscheidungsprozesse und die Schaffung von klaren Zuständigkeitsbereichen, damit Entscheidungen auf angemesser Ebene gefällt werden können. 
  • Sicherstellen, dass Kosten gleichmäßig zwischen allen Mitgliedstaaten geteilt werden sowie
  • Die Öffnung des Systems, um nicht nur den europäischen Lehrplan zu ermöglichen, wo sich europäische Institutionen und Einrichtungen befinden, sondern in jedem interessierten Mitgliedsstaat. 

Weiterhin sagte Kallas, dass man gemeinsam sicherstellen könne, dass Europäische Schulen nicht mehr als elitäre und geschlossene Bildungseinrichtung wahrgenommen würden, sagte der Kommissar bei der Anhörung.

Die Öffnung des Systems

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden Kindern von EU-Beamten, die direkt für die Institutionen arbeiten, Prioritäten eingeräumt. Die luxemburgische Europaabgeordnete Erna Hennicot-Schoepges (EVP) sagte, dass zurzeit Reformen im Gange seien, die Europäischen Schulen für ein breiteres Publikum zu öffnen, besonders für Kinder der Belegschaft von EU- Agenturen (so genannte „Typ-2-Schulen“, von denen bereits vier existieren). 

Staatliche Schulen sollten ihren Schülern auch die Möglichkeit geben, das Europäische Abitur anzubieten, eine Idee, die vom stellvertretendem tschechischen Bildungsminister Jakub Dürr als „höchst inspirierend“ begrüßt wurde. 

Anderseits, nahm Alain Scriban vom Verwaltungsbüro der Kommission einen bescheideneren Standpunkt ein und mahnte, dass die Öffnung der Schulen kein Freibrief für alle bedeuten solle und warnte ebenfalls davor, dass sich dies als Alternative zu anderen Schulformen etablieren müsse. Hierbei betonte er insbesondere die Notwendigkeit der Qualitätserhaltung dieses Schulsystems.

Überfüllte Europäische Schulen „in der Krise”

Nicht alle Interessensvertreter teilten das positive Fazit des EU-Kommissars Kallas. Besonders die Eltern der Schüler glauben, dass das gesamte System in der Krise stecke und erhebliche Erweiterung und Investitionen benötige, wenn es auch in Zukunft qualitativ-hochwertige Bildung anbieten will, erklärte der Vertreter der Interessensgruppe der Eltern Christopher Wilkinson, der Anhörung.

Die Überfüllung, insbesondere die der drei Brüsseler Standorte Woluwé, Uccle und Ixelles bedeutet, dass viele Europäische Schulen „ nach Jahren des Fehlmanagements“ die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht hätten, beklagte Wilkinson.

Tatsächlich gab Reneé Christmann, Generalsekretärin der Europäischen Schulen zu, dass die Überfüllung bedauerlich sei, das es das Gefühl verstärke, die Europäischen Schulen seien „vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten“.

Aufgrund dieser Kapazitätsengpässe, brachte Wilkinson sogar hervor, dass Versuche unternommen wurden, Kinder deren Eltern keine EU-Beamten seien, wegen der Überfüllung, nicht mehr zuzulassen. Weiter behauptete er, dass der aktuelle Zustand einer von kleinen Schulen, kleinen Klassen und kleinen Sprachgruppen, also ein abgeschlossenes System sei.

Brüssel wird bald eine neue Europäische Schule in Laken eröffnen, deren Fertigstellung aber nicht vor 2012 erwartet wird. Unterdessen geht die Debatte über die Zukunft der Europäischen Schulen weiter und einige Teilnehmer verlangten bereits eine fünfte Schule in der belgischen Hauptstadt. 

Positionen:

Das Modell der Europäischen Schulen sei mit dem globalisierten und dynamischen Charakter unserer Gesellschaft besonders gut vereinbar, da es sicherstelle, dass die Wurzeln nationaler Identitäten eindeutig erhalten blieben, sagte der Vizepräsident der Europäischen Kommission Siim Kallas, der für die Verwaltung zuständig ist. 
Um dies zu erreichen, müsse man sicherstellen, dass die interne Funktion des derzeitigen Systems angemessen angepasst würde, dass die Kosten gerecht aufgeteilt würden und dass die Entscheidungsprozesse modernisiert und effizienter gestaltet würden, erklärte Kallas.

Die luxemburgische mitte-rechts Abgeordnete Erna Hennicot-Schoepges (EVP-ED), rief zu einem Modell flexiblerer Europäischer Schulen auf, die lokalen Bedürfnissen angepasst würden. Als Vorsitzende der Anhörung rief sie nach besseren Führungsstrukturen und verlieh damit ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der aktuell laufende Reformprozess das System „von Grund auf“ ändere.

Sie drückte Vertrauen aus, dass man in der Lage sein werde, sich in der nächsten Legislaturperiode nach vorn zu bewegen, sagte Hennicot-Schoepges und fuhr fort, sie vertstehe die Frustrationen der Eltern. Jedoch werde man mit Infrastruktur- und Überfüllungsproblemen auf europäischer Ebene nicht fertig, weil solche Fragen die Mitgliedstaaten beträfen, erklärte sie weiter.

Jakub Dürr, der stellvertretende tschechische Bildungsminister, sagte dass die multilinguale Natur des Modells der Europäischen Schule auf nationaler Ebene nur sehr schwer zu realisieren sei, fuhr aber fort, dass die nationalen Bildungssysteme sich davon inspirieren lassen könnten, zum Beispiel indem sie einige Fächer in Fremdsprachen unterrichten.

Heute werde es als selbstverständlich angesehen, dass sich Europäische Schulen öffnen sollten, jedoch sei dies vor vier Jahren noch nicht der Fall gewesen, sagte Alain Scriban, von der Verwaltungsabteilung der Kommission. 

Die Sorgen über den Lehrermangel ansprechend sagte Scriban, dass man die Möglichkeit in Erwägung ziehe, nicht-Muttersprachler dafür einzusetzen, bestimmte Fächer zu unterrichten, jedoch unter angemessener Absicherung der Qualität.

In ihrer Aufforderung an die Regierungen, alle ihre Lehrerposten zu füllen, wiederholte Reneé Christmann, Generalsekretärin der Europäischen Schulen Scribans Feststellung, dass Sprachschwierigkeiten durch die Einstellung von Lehrern, die nicht in ihrer Muttersprache unterrichten, nun erlaubt seien. 
Die Ausbildung der Schüler in ihrer Muttersprache sei ein “grundlegendes Prinzip” des Systems, erklärte Christmann, jedoch müsse die Notwendigkeit der Lastenteilung zwischen den Mitgliedstaaten in Betracht gezogen werden.

Die Generalsekretärin beschrieb die Externalisierung des Europäischen Bakkalaureates als „sehr gute Idee“, die Träume der Gründer der Schule zu erhalten. 

Der Sprecher von “Inter-parents”, Christopher Wilkinson, der die Eltern der Europäischen Schulen vertrat, sagte, dass der Reformprozess bisher sehr zeitaufwendig, teuer und arbeitsintensiv verlaufen sei und von Schwierigkeiten übersäht wäre.

Wilkinson glaube, dass das System so reformiert werden solle, dass es einen globaleren Kontext mit einbeziehe. Europäische Schulen seien ein Gewinn, der in der gesamte EU genutzt werden solle, da Europa diese Menschen brauche, um die Lissabon-Agenda zu erfüllen, sowie die aus der Rezession wettbewerbsfähiger heraus zu kommen.

Ein Elternteil, ein Beamter bei der Europäischen Kommission, beschrieb die Schulen in Brüssel als überfüllt. Dies betreffe sowohl die Klassenzimmer, als auch die Schulbusse. Man spreche bereits seit zehn Jahren von Überfüllung und das Problem würde nicht verschwinden. 

Alle Kinder von EU-Mitarbeitern, auch die von Parlamentsassistenten, seien, in Anbetracht der Tatsache, dass sie im belgischen Schulsystem keine andere Alternative hätten, berechtigt einen Platz in einer Europäischen Schule zu bekommen, sagte TAO-AFI, eine unabhängige Vereinigung von Beamten, die für die EU-Institutionen arbeiten. 

Während keine Diskriminierung zwischen Kindern, die im System eingeschrieben und eingebunden seien stattfinden könne, seien die Schulen in Uccle, Woluwé und Ixelles an ihrem Kapazitätslimit angekommen, so TAO-AFI weiter. 

Nach der Auffassung von Professor Philippe van Parijs von der Katholischen Universität in Löwen (UCL) stellt das Europäische Schulsystem ein sozial-homogenes „Apartheit-Regime“ dar, dass ein Gefühl von Überlegenheit bei Schülern schaffen könne, sagt er in einem Interview letzten Monat (EurActiv vom 17. März 2009).

Es sei weder gut, für die Kinder der EU-Bürokratie in einer sozial-homogenen Umgebung aufzuwachsen, so der Professor, noch sei es gut für eine Stadt wie Brüssel, einen Teil seines Schulsystems abzuschotten, was von Dritten oft auch als exklusives Apartheit-Regime angesehen würde.

Er fügte weiterhin hinzu, dass es schwierig sei, nur wegen des Status der Eltern, anderen gegenüber kein Gefühl von Überlegenheit zu entwickeln, wenn man auf eine Eliteschule geschickt würde. Dies führe dazu, dass die Europäischen Schulen ein System der sozialen Abgrenzung schafften, so van Parijs. 

Nächste Schritte:

  • 2012: Ziel zur Öffnung einer vierten Europäischen Schule im Brüsseler Stadteil Laken.

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