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Barroso: Optionen für neue EU-Exekutive [DE]

Veröffentlicht 24. September 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Mit dem Beginn der zweiten Barroso-Kommission untersucht EurActiv wie die neue EU-Exekutive restrukturiert werden könnte. Eine wahrscheinliche Änderung umfasst neue Kommissare im Bereich Klimawandel und Einwanderung.

In einem Versuch die sich verändernden Prioritäten der EU zu reflektieren und mehr Führung in der Europäischen Kommission anzunehmen, werden die neuen Kommissare über eine Reihe an neuen oder veränderten Portfolios verfügen.

Die Zuteilung dieser neuen Positionen wird wahrscheinlich zu einem hektischen Handel zwischen den Mitgliedsstaaten sorgen, erstens müssen die Kompetenzen präzisiert werden und zweitens müssen die Länder entscheiden wer für die Positionen in Frage kommt.

Jedoch werden keine konkreten Entscheidungen getroffen, bis die EU die institutionelle Basis weiß, auf der die neue Kommission vorgehen wird. EU Staats- und Regierungschefs erwarten ungeduldig die Entscheidung des zweiten Referendums in Irland am 2. Oktober.

Barrosos einmalige Gelegenheit

Als Ergebnis dieses Wartespiels hat Barroso den gesamten Oktober Zeit um mit EU Staats- und Regierungschefs sein zweites Kabinett zu verhandeln, sagte Antonio Missiroli, Direktor des European Policy Centre (EPS) einem Think-Tank in Brüssel.

Barrosos frühe Wiederbestellung bedeutet, dass er "mehr Einfluss bei der Umgestaltung der Kommission" als normalerweise andere Präsidenten habe, erzählt er EurActiv.

Sollte der Vertrag von Lissabon ratifiziert werden, muss der neue Präsident der Europäischen Kommission die neue Situation der beiden neuen Top-Jobs kontrollieren müssen, der ständige Präsident des Europäischen Rats und der Hohe Vertreter für auswärtige Angelegenheiten.

Wieder glaubt Missiroli, dass Barroso eine  nie da gewesene Chance die Struktur seiner eigenen Macht zu definieren, hat. Der EPC-Direktor argumentiert, dass Barroso eine "einzigartige Möglichkeit über die nächsten zwei Jahre haben wird die Rolle der Kommission und den Einfluss in der Politikentscheidung" zu entscheiden, aufgrund der Tatsache, dass die neuen Top-Jobs Zeit brauchen um Fuß zu fassen.

Drei neue Portfolios: Klima, Migration und Grundrechte

Vor seiner Wiederwahl bestätigte Barroso, er könnte sich einen Kommissar für Justiz, Grundrechte und zivile Rechte vorstellen, einschließlich der Bürger- und Minderheitenrechte. Dies ist keine Überraschung für Guy Verhofstadt, dem Vorsitzenden der Liberalen (ALDE) im Europäischen Parlament, der seine Unterstützung für Barroso von der Schaffung eines solchen Postens abhängig machte. (EurActiv vom 15. Juli 2009)

Barroso sagte auch, dass er sich einen Kommissar für interne Angelegenheiten und Einwanderung, sowie einen weiteren für Klimawandel vorstellen könnte.

Der Klimaschutz-Kommissar wird wahrscheinlich strategisch beliebt sein, unter Politikern und in der Öffentlichkeit. Jedoch bleibt abzuwarten welche spezifischen Aufgaben in diesen Bereich fallen werden.

Das Ergebnis der globalen Konferenz zum Klimawandel im Dezember in Kopenhagen wird hier einen großen Einfluss haben, so Alfons Westgeest, Managing Partner bei Kellen Europa.

In einem Gespräch mit EurActiv argumentiert Westgeest, dass Kopenhagen eine Änderung der Prioritäten im neuen Direktorat für Klimawandel erreichen wird, obwohl es unklar bleibt wo "Energiekonsum, neue Lösungen und internationale Themen" hinkommt.

Das Portfolio für Grundrechte und zivile Rechte, das von vielen als Barrosos Geschenk an die europäischen Liberalen betrachtet wird, ist eine Reflexion des zunehmend bedeutenden Themas der Einwanderung auf EU-Ebene und sollte mit der jetzigen Generaldirektion Justiz- und Heimatangelegenheiten (JHA) einen gemeinsamen Weg gehen.

Unter dem jetzigen Arrangement ist die JHA-Kommission beides, "Richter und Jury" und kontrolliert Justizangelegenheiten, ist aber auch verantwortlich für Einwanderung und soziale Minderheiten, laut Mark McGann, Geschäftsführer von Weber Shandwick Belgien.

McGann glaubt "es macht absolut Sinn, sowohl aus einer politischen als auch rechtlichen Perspektive diesen Bereich aufzuteilen. Ein Argument das von Antonio Missiroli wiedergegeben wird, der sagte "diese Dualität wurde etwas peinlich".

Für die neue Position im Bereich Einwanderung und Sicherheit meint Missiroli "das Zusammenfügen dieser zwei Bereiche sendet die falsche Nachricht, nämlich dass Einwanderung ein Sicherheitsthema ist", eine Tatsache die sich Barroso ohne Zweifel bewusst ist.

Ein digitaler Zar, Humankapital-Position oder Kulturchef?

Brüssel spekuliert auch über weitere Portfolios.

Gerüchte, dass Barroso ein digitales Portfolio einrichten wird und die jetzige Informationsgesellschafts-Abteilung ersetzen wird, wird von der jetzigen Kommissarin Viviane Reding (EurActiv vom 23. Juni 2006) gewünscht. Solch ein Schritt würde die Position des Kommissars im Telekommunikationsmarkt sowie im digitalen Copyright stärken.

In einer separaten Entwicklung empfiehlt das Brüsseler Think-Tank Bruegel die Einrichtung eines Kommissars für Wissenswirtschaft, verantwortlich für "drei Seiten des Wissens-Triangels: höhere Bildung, Forschung und Innovation" (EurActiv vom 23. September 2009)"Die Schaffung dieser neuen Stelle wird die Tatsache unterstreichen, dass Europa eine wissensbasierte Wirtschaft werden muss, eine Priorität der Kommission", argumentiert der Bericht.

Missiroli erklärte gegenüber EurActiv "wenn es dem Präsidenten mit Forschung und Entwicklung und der neuen Lissabon-Agenda Ernst ist, dann würde es Sinn machen einen Kommissar für Humankapital zu haben, der E&F und die Modernisierung der europäischen Wirtschaft umfasst".

Schlussendlich fordert Weber Shandwick's McGann einen europäischen Kulturkommissar, denn "wir haben jetzt einen Kommissar für Bildung und Kultur und einen für Mehrsprachigkeit. Es ist vernünftig diese beiden neu zu orientieren und einen starken Kulturkommissar zu ermöglichen, um auch Minderheiten und Sprachen zu behandeln". 

Stellungnahmen: 

Das Brüsseler Think-Tank Bruegel forderte die Einrichtung eines Kommissars für wirtschaftliche und finanzielle Angelegenheiten, da "das Arrangement, bei dem die Verantwortung für die wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten zwischen zwei Kommissaren geteilt wurde, schlecht für die Kommission und die EU" sei.

Falls diese Veränderung statt findet, argumentiert Bruegel, dass der Kommissar für Binnenmarkt von einer seiner oder ihrer Verantwortungen entledigt werden wird. Weiters "haben dem Kommissar, der für die gewerbliche Wirtschaft oder in jüngerer Zeit Unternehmen zuständig ist, angemessene politische Instrumente gefehlt. Deswegen schlägt Bruegel vor, zur Situation Anfang der 1990er Jahre zurückzugehen und "Binnenmarkt und Industrie-Angelegenheiten zusammenzuführen".

Der Brüsseler Think-Tank bevorzugt einen Kommissar für wissensbasierte Wirtschaft. "Die Schaffung dieser neuen Stelle wird die Tatsache unterstreichen, dass Europa eine wissensbasierte Wirtschaft werden muss, eine Priorität der Kommission", so ein Bericht.

Alfons Westgeest, Managing Partner bei Kellen Europa, glaubt dass "die Position im Energie, Transport und natürlichen Ressourcen Bereich an vorderster Stelle stehen wird und eine Diskussion auslösen wird, welcher Kommissar was bekommt. Der Koppenhagen Gipfel im Dezember wird dieses Umwelt-Portfolio erweitern, aber zur selben Zeit zu einer Verschiebung der Prioritäten führen, etwa Energiekonsum, neue Lösungen und internationale Themen werden zugewiesen".

Im Gespräch mit EurActiv meinte er "die größte Kommunikations-Herausforderung ist ein positiveres Verständnis in Beziehungen mit den Bürgern Europas".

Mark McGann, Geschäftsführer von Weber Shandwick Belgium erklärte EurActiv, dass "einiger dieser neuen Positionen, die Barroso angekündigt hat, wenn auch unter politischem Druck der Liberalen, sind sicherlich zu begrüßen.

"Besonders die vorgeschlagene Position für Diversität und Menschenrechte, ich hoffe sie wird so viel rechtliche Initiative wie möglich haben".

"Aber der wichtigste Punkt ist: Es ist wegweisend für die Zukunft des europäischen Marktes, dass die Schlüsselpositionen wie Wettbewerb und Binnenmarkt nicht einem großen Land übergeben werde, so wie etwa Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien".

"Aus der Perspektive der europäischen Industrie war das Barroso I Kabinett die schwächste Kommission seit 20 Jahren. Wir haben eine verstärkte Fragmentierung des europäischen Marktes gesehen, der sich einer verstärkten Harmonisierung gegenüber sah".

"Ich denke wenn diese Position von Frankreich oder Deutschland besetzt wird, könnte dies dem Todesstoß für den Binnenmarkt bedeuten".

"In Bezug auf die geplante Gründung einer Kommission für die Grundrechte macht es Sinn diese von der JHA-Kommission unter Jacques Barrot zu trennen. Unter dem jetzigen Arrangement ist die JHA-Kommission beides, Richter und Jury".

"Es macht also absoluten Sinn, dieses Portfolio zu trennen".

"Ich weiß auch, dass die Kommissarin Reding es als Leistung sieht den Wettbewerb in Telekommunikation von DG COMP zu DG INFOSOC zu transferieren. Es gibt immer noch einen klaren Mangel and Wettbewerb im Telekommunkationsservie-Markt".

McGann fügte hinzu, dass "Menschen dazu neigen sich über Positionen der Mehrsprachigkeit lustig zu machen. Ich denke aber, es würde Sinn machen einen starken europäischen Kulturkommissar zu haben. Jetzt haben wir ein Generaldirektorat für Bildung und Kultur und eines für Mehrsprachigkeit".

Er schloss seine Ausführungen, dass "am Ende des Tages, die starken Positionen jene im Wettbewerb, Binnenmarkt und Handel sind und ich würde argumentieren, dass sie intakt bleiben sollten, mit der Ausnahme der Telekommunikation unter dem Generaldirektorat COMP. 

Nächste Schritte: 
  • 2. Oktober: Irisches Referendum zum Lissabon-Vertrag
  • 23. November: Mandat der jetzigen Kommission läuft ab.
  • November 2008 bis Januar 2009: Wahrscheinlicher Zeitrahmen um nach einem Hearing vor dem Europäischen Parlament die neuen Kommissare einzusetzen. 
Hintergrund : 

Nach seiner Wiederwahl als Präsident der Europäischen Kommission – als erster Politiker seit Jacques Delors der weiterhin seine Position einnehmen konnte – muss Barroso sein Team neu umstrukturieren.(EurActiv vom 16. September)

Die Praxis der Umbenennung und Umstrukturierung der Positionen ist in der EU ebenso alltäglich wie in nationalen Regierungen. Solche Änderungen oder funktionale Veränderungen des Titels und des Aufgabenbereichs eines Kommissars können einen massiven Einfluss auf seine relative Macht und sein Ansehen haben.

Es gibt einige Portfolios - Handel, Wettbewerb und Landwirtschaft  - die weitgehend unberührt blieben. Aber die Mehrheit der Portfolios wurde verändert und steht im Einklang mit den Veränderungen der Zuständigkeiten der EU – wie Justiz und Inneres, Umwelt, Informationsgesellschaft und Energie. 

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