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EU macht Pläne für engere wirtschaftliche Union

Veröffentlicht 12. Mai 2010 - Aktualisiert 18. Mai 2010
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Nach einem Wochenende, an dem die Eurogruppe beispiellose Schritte nahm, um schuldenbeladene Mitgliedsstaaten mit einem 500 Milliarden Euro Rettungspaket zur Seite zu stehen, schlägt die Europäische Kommission einen neuen Satz an Regeln vor, um die Zusammenarbeit in der Steuer- und Wirtschaftspolitik der Union zu stärken und zukünftige Krisen zu verhindern.

Dem Vorschlag zufolge, der am Mittwoch (12. Mai) vorgelegt wurde, sollen Mitglieder der Eurogruppe die jährlichen Budgets der anderen Mitgliedstaaten prüfen, bevor sie auf nationaler Ebene angenommen werden.

Dieses System wird, wenn es bei einem Gipfel der EU-Oberhäupter im Juni angenommen wird, engere wirtschaftliche Prüfung zwischen Eurogruppenmitgliedern und ein frühzeitiges Programm der gegenseitigen Durchsicht herbeiführen, das die Wiederholung der griechischen Staatsverschuldungskrise verhindern soll.

"Lasst uns deutlich sein: Es kann keine Währungsunion ohne Wirtschaftsunion geben", sagte der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso.

"Mitgliedsstaaten sollten den Mut haben, zu sagen, ob sie eine Wirtschaftsunion wollen oder nicht. Wenn nicht, ist es besser, die Währungsunion vollständig zu vergessen."

Prüfung

Die Prüfung würde in der ersten Jahreshälfte während eines „Europäischen Semesters“ durchgeführt werden, bevor EU-Regierungen ihre nationalen Budgets und wirtschaftlichen Reformen vorbereiten müssen.

„Im Falle offensichtlicher Unzulänglichkeiten in den Budgetplänen für das kommende Jahr könnte eine Revision [der Budgetpläne] empfohlen werden“, so die Kommission.

„Die Koordinierung der Steuerpolitik muss im Voraus betrieben werden, um sicherzustellen, dass nationale Budgets mit der europäischen Dimension konsistent sind, dass sie nicht die Stabilität der anderen Mitgliedsstaaten gefährden“, so Kommissar für Wirtschaft und Währung Olli Rehn.

Das System könnte auf alle Länder angewandt werden, doch die Prüfung wäre strenger für diejenigen, die den Euro angenommen haben.

Für Eurozonenmitglieder sollte solch ein Prüfungsmechanismus als Frühwarnsystem für Länder dienen, die den Stabilitäts- und Wachstumspakt brechen, der in der Eurozone eine Grenze für Staatsverschuldung (bei 60 Prozent des BIP) und für Budgetdefizite (drei Prozent des BIP) setzt.

EU-Beamte behaupten, das System werde die nationale Souveränität der Länder nicht verletzen, sondern werde eine Gelegenheit bieten, die Annahmen, auf denen Budgetentwürfe basieren, wie Wachstum, Inflation und Zinssätze, zu überprüfen.Barroso sagte, dass das System eine Gelegenheit für nationale Parlamente darstellen würde, die Budgets ihrer Länder eingehender zu prüfen. "Was wir tun, ist, Parlamenten mehr Informationen und dadurch mehr Macht zu geben", sagte er.  

Griechenland, welches die Wurzel der derzeitigen Krise ist, wurde dabei erwischt, Jahre lang grob über seine makro-ökonomischen Statistiken gelogen, so getan zu haben, als seien seine Defizite niedriger, als sie es waren, und gefälschte Berichte an die EU-Statistik-Behörde Eurostat eingereicht zu haben.

„Eine Vorbedingung wäre es, das Mandat von Eurostat zu stärken, um nationale Staistiken zu überprüfen“, so die Kommission. „ Es ist wichtig, diesen Vorschlag schnell in Kraft zu setzen, da dies die Qualität der Berichte zu den öffentlichen Finanzen verbessern wird.“

Makro-ökonomische Ungleichgewichte angehen

Die Kommission plant auch, Budgetkontrolle zu makro-ökonomischer Politik auszuweiten, und warnt, dass „makro-ökonomische Ungleichgewichte über die Zeit hinweg ernsthafte Konsequenzen haben können“.

Jedoch wird ein solcher Vorschlag in Deutschland wahrscheinlich abgelehnt werden, wo Kanzlerin Merkel sagte, dieser würde Steuerprüfung „unnötig politisieren“ (EurActiv 02.02.10).

Dem Plan der Kommission  zufolge würde die Bewertung von langfristigen nationalen Wirtschaftsreformprogrammen mit Haushaltsdisziplinprüfung synchronisiert werden. Eine Anzeigetafel würde makro-ökonomische Indikatoren wie Produktivität, Arbeitskosten pro Einheit, Beschäftigung, Staatsverschuldung und private Darlehen durchsehen, um Anstiege in den Kapitalpreisen und exzessives Kreditwachstum im Frühstadium zu erkennen.

Für alle EU-Mitgliedsstaaten würden diese makro-ökonomischen Ungleichgewichte unter dem Entwurf zur EU 2020 Strategie für Wachstum und Arbeitsplätze angegangen werden. Für Länder die den Euro angenommen haben, würde die gegenseitige Überprüfung, die derzeit durch die Eurogruppe durchgeführt wird, in eine etwas stärker strukturierte Kontrolle verwandelt werden, indem sich auf Artikel 136 des EU-Vertrags berufen wird.

Zuckerbrot und Peitsche

Um dem Überprüfungssystem Zähne zu geben, schlägt die Europäische Kommission vor, ihr 50 Milliarden Euro Jahrespaket an Regionalhilfen an jene Länder zu kürzen, die wiederholt gegen die EU-Budgetrichtlinien verstoßen.

Was Anreize angeht, dürften jene Länder, die während wirtschaftlich guten Zeiten große Überschüsse erwirtschaftet haben, in Zeiten der Rezession mehr ausgeben, ohne dass ein Verfahren wegen zu hohen Defizits gegen sie eingeleitet werden würde.

Zahlungen aus dem 70 Milliarden Euro Kohäsionsfonds der EU, die Mitgliedsstaaten helfen, wirtschaftliche und soziale Unterschiede im Zeitraum 2007-2013 zu reduzieren, können ebenfalls ausgesetzt werden. Die Sanktion kann bei Eurozonenländern angewendet werden, die aktuell den Stabilitäts- und Wachstumspakt brechen. "Wir planen nicht, sie momentan zu benutzen", sagte ein EU-Beamter.

Eine weitere Möglichkeit wäre, Mitgliedsstaaten, die unzulängliche Fortschritte bei ihren mittelfristigen Budgetzielen während wirtschaftlich guten Zeiten machen, verzinste Geldanlagen aufzuerlegen.

Stellungnahmen: 

Am 12. Mai sagte der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, dass der kürzliche Aufruhr auf den europäischen Märkten die Notwendigkeit für engere europäische Kooperation deutlich gemacht hätte. "Es ist nun eindeutig, dass wir verflochtener sind als jemals zuvor. Finanzielle Schwierigkeiten in einem Mitglied der Eurozone werden spill-over Effekte auf die anderen haben."

"Lasst uns deutlich sein: Es kann keine Währungsunion ohne Wirtschaftsunion geben. Mitgliedsstaaten sollten den Mut haben, zu sagen, ob sie eine Wirtschaftsunion wollen oder nicht. Wenn nicht, ist es besser, die Währungsunion vollständig zu vergessen.", so Barroso.

Paris und Berlin hießen die Vorschläge der Kommission willkommen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagte, dass sie in die richtige Richtung gingen und dass es keine schlechte Sache sei, dass die Kommission einen frühen Einblick in die nationalen Budgetpläne verlange. Doch sie sagte, dass Änderungen am EU-Vertrag notwendig seien, um die Budgetdisziplinregeln des Blocks strenger umzusetzen.

Sprecher der französischen Regierung, Luc Chatel, sagte, dass Paris bessere steuerliche und budgetäre Koordination unterstütze, doch fügte hinzu: „Es ist das Parlament, dass über das Budget der Nation abstimmt, es ist nicht die Europäische Kommission die über Frankreichs Budget abstimmt.“

Der deutsche Vizekanzler Guido Westerwelle sagte, dass Budgetpolitik ein Kernbestandteil der Rechte der nationalen Parlamente sei.

In einem gemeinsamen Brief vom 6. Mai empfohlen der französische Präsident Nicolas Sarkozy und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel eine strengere Prüfung der Schulden der Mitglieder der Eurogruppe und die Ausweitung der Überwachung zu „strukturellen Belangen und Wettbewerbsfähigkeit“ und nicht nur von exzessiven Defiziten, wie es heute der Fall ist (EurActiv 07.05.10). Sie empfohlen gleichermaßen „die Stärkung der Wirksamkeit von EU-Empfehlungen auf wirtschaftliche Politik“.Deutschland wirbt auch aggressiv dafür, Regionalhilfe an Staaten zu kürzen, die regelmäßig gegen die Regeln des Stabilität- und Wachstumspakts verstoßen. Doch zögert Frankreich, eine so harte Linie zu der Frage einzunehmen, da es selbst in dieser Frage nicht immer ein gänzlich unschuldiger Mitgliedsstaat der Union war.

Darüber hinaus hat Merkel ihre Unterstützung für radikale Reformen wie die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds ausgesprochen oder für die Anwendung von Sanktionen gegen Eurogruppenmitglieder, die wiederholt die wirtschaftlichen Richtlinien brechen, und schlug zum Beispiel vor, deren Stimmrechte im Ministerrat könnten suspendiert werden (EurActiv 18.03.10).

Dies würde jedoch eine Vertragsänderung benötigen und Frankreich zieht eine einfache Reform vor, wie eine Änderung des Stabilitäts- und Wachstumspakts.

Im Europäischen Parlament warnte der französische Europaabgeordnete Alain Lamassoure (Europäische Volkspartei), Vorsitzender des Haushaltsausschusses der Versammlung, dass „die Koordinierung der Wirtschaftspolitik in Brüssel nicht lediglich Ministern angetragen werden könne, die hinter geschlossenen Türen in Brüssel debattieren und entscheiden.“

„Wie könnten gewählte Vertreter in einem Mitgliedsstaat zustimmen, dass ihnen die Hände gebunden werden, durch Entscheidungen, die davor heimlich in Brüssel getroffen wurden?“, fragt Lamassoure.

Um die Prozedur transparenter und demokratischer zu gestalten, empfiehlt Lamassoure die Einbeziehung von nationalen Parlamenten „ab dem ersten Tag“ indem gewählte Vertreter eingeladen werden, zur Debattierung von nationalen Budgetorientierungen gleichzeitig in Brüssel und in der EU zusammenzukommen. Eine solche Prozedur würde die Abgeordneten zwingen, auf Basis der gleichen wirtschaftlichen Annahmen bezüglich des Wachstums, der Inflation, der Zinsraten und des Ölpreises zu arbeiten, so der MdEP.

Es würde ebenso alle zwingen, ihre Verantwortlichkeiten ernst zu nehmen, indem nationale Prioritäten gegenüber EU-Budgetdisziplinregeln aufgesetzt würden, „bei hellem Tageslicht und unter der Beobachtung der nationalen Öffentlichkeit durch die nationalen Medien.“

In einer Reaktion auf den Vorschlag der Kommission warnte die Partei der Europäischen Sozialisten (PES) vor einem „Ruck in Richtung Sparmaßnahmen“, der den Aufschwung gefährden könnte. „Die Europäische Kommission riskiert es, den Aufschwung der EU mit dem Virus der Strafe zu infizieren“, so PES Präsident Poul Nyrup Rasmussen und fügte hinzu, es liege „eine zu starke Betonung auf der Haushaltskonsolidierung in den Programmen der nationalen Mitgliedstaaten“. „Strafe und Sanktionen bringen nur Teilung und gegenseitige Schuldzuweisungen“, warnte Rasmussen.

Die PES kritisierte den Kommissionsvorschlag auch, da er es verpasst, den Bedarf für neue Steuerquellen zur Stärkung des EU-Haushalts zu erwähnen, und wiederholte ihren Aufruf, eine globale finanzielle Transaktionssteuer im Kampf gegen die Spekulation einzuführen (EurActiv 14.04.10). Die PES unterstützt auch die Idee, neue Finanzierungsquellen für das EU-Budget zu finden, so wie die Ausgabe von gemeinsamen Euro-Obligationen oder die Besteuerung von CO2-Emissionen.

Die Fraktion der Liberalen und Demokraten im Europäischen Parlament (ALDE) sagte, der Kommissionsvorschlag sei „der Schlüssel zur Vermeidung einer erneuten Krise“, doch bezweifelte sie die Entschlusskraft der Mitgliedsstaaten, eine gemeinsame Reaktion auf die Krise anbieten zu können.

„Die große Frage ist, ob die Mitgliedsstaaten aus ihren Verlusten gelernt haben“, so ALDE-Vorsitzender Guy Verhofstadt und warnte gegen nationale Tendenzen, im Alleingang zu handeln.

Die ALDE-Fraktion schlug drei Schritte vor, um größere finanzielle Stabilität und Kohärenz in der Eurozone und der gesamten EU zu erreichen. „Zuerst brauchen wir einen permanenten Mechanismus, um finanzielle Stabilität zu erreichen, so wie den Europäischen Währungsfonds, der Solidarität gibt aber auch die Disziplin, die dem alten Stabilitäts- und Währungspakt fehlte.“

„Zweitens braucht die Union eine echte wirtschaftliche Säule, die die Währungssäule ergänzt, da 27 Ansätze zur Steuerpolitik einer nachhaltigen Währung und einer nachhaltigen Wirtschaft nicht zuträglich sind.“

„Drittens muss der europäische Binnenmarkt wieder in Schwung gebracht und vollendet werden, den Ratschlägen von Mario Monti folgend. Dabei muss der augenblickliche Kontext von engerer gegenseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit, den Herausforderungen der Globalisierung und der sich schnell entwickelnden digitalen Agenda in Betracht gezogen werden.“

Nächste Schritte: 
  • 18. Mai: EU-Finanzminister werden Kommissionspläne zur größeren wirtschaftlichen Politikkoordinierung untersuchen
  • 17.-18. Juni: EU-Oberhäupter werden Kommissionsvorschlag während eines Treffens in Brüssel debatiieren
  • 2011: vorgeschlagener Beginn des ersten „Europäischen Semesters“
Barroso: 'No monetary union without economic union'
Hintergrund : 

EU-Finanzminister beschlossen am Sonntag (9. Mai), einen Rettungsmechanismus von etwa 750 Milliarden Euro einzurichten, um den Euro davor zu retten, unter dem Gewicht der Schulden in Ländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal (EurActiv 10.05.10) zusammenzubrechen.

Dieser Mechanismus soll durch Vorschläge ergänzt werden, die wirtschaftliche Steuerung der EU und der Eurozone zu reformieren, um ähnliche Krisen in Zukunft zu verhindern.

Die Europäische Kommission präsentierte diesen Vorschlag gestern (12. Mai).

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