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EU-Regierungschefs verzögern Einigung auf 2020-Ziele

Veröffentlicht 27. März 2010 - Aktualisiert 30. März 2010
Tags
EU 2020
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Die neue Strategie der Europäischen Kommission für Wachstum und Beschäftigung hängt in der Schwebe, nachdem sich die EU-Regierungschefs nicht auf belastbare Zielsetzungen für Bildung und Armutsbekämpfung einigen konnten - zwei der fünf Kernziele des ursprünglichen Entwurfs.

Regierungen stellten die rechtlichen Grundlagen der EU infrage, Zielsetzungen in den Bereichen Bildung und Armutsbekämpfung festzulegen. Sie konnten sich nur allgemein auf die Wichtigkeit von besserer Bildung und einer Bekämpfung sozialer Ausgrenzung einigen.

Die Debatte über die Messung von Fortschritten in diesen Bereichen geht weiter. Quantifizierbare Zielsetzungen werden jetzt nicht vor Juni erwartet.

Indes wurde ein expliziter Verweis auf die Kürzung von Armut um 25% fallengelassen, ebenso wie die Zielsetzungen, die Zahl  der Schulabbrecher zu reduzieren und die der Hochschulabsolventen zu steigern.

Dieser Angriff auf die Kernziele ist ein schwerer Schlag für die Europäische Kommission, die auf die Unterstützung der nationalen Regierungen für die so genannte Europa-2020-Strategie gesetzt hatte, um deren Umsetzung zu gewährleisten.

Jedoch kann sich die Kommission damit trösten, dass ihr Vorschlag, 3% des BIP für Forschung und Entwicklung auszugeben, die Zustimmung der Regierungschefs fand.

Die Regierungschefs sprachen sich für diese Zielsetzung aus, die letzte Woche von den Finanzministern kritisiert worden war (EurActiv vom 17. März 2010), obwohl die Kommission bereits angekündigt hatte, einen neuen, verfeinerten Indikator für die Messung von Innovation entwickeln zu wollen.

Vor dem Treffen des Europäischen Rats diese Woche hatte Deutschland versucht, die Diskussionen über Bildungsziele zu torpedieren, da dies die Kompetenzen der deutschen Bundesländer berühre (EurActiv vom 22. März 2010).

Einige Mitgliedstaaten versuchten, Armut ganz aus der 2020-Strategie zu herauszuhalten, da das Ziel ihrer Auffassung nach nicht in den Zuständigkeitsbereich der EU fällt und die Messung von Fortschritten zu schwierig ist. Zudem wurde eingewendet, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen das primäre Mittel zur Bekämpfung sozialer Ausgrenzung sei, wodurch ausdrückliche Verweise auf Armut unnötig seien.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy kündigte an, in den kommenden Wochen gemeinsam mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel eine neue Formulierung über soziale Ausgrenzung vorschlagen zu wollen.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso verteidigte standhaft Brüssels Recht, Armutsziele miteinzubeziehen. Er beharrte darauf, dass der Lissabon-Vertrag es der EU ausdrücklich erlaubt, die Bemühungen der Mitgliedstaaten im Bereich sozialer Ausgrenzung zu unterstützen.

Er räumte ein, dass weitere Arbeit über "angemessene Indikatoren" zur Messung von Armut notwendig sein werde. Dies könne allerdings rechtzeitig vor dem Gipfel des Europäischen Rats im Juni erfolgen.

Der Präsident des Europäischen Rats Herman Van Rompuy sagte, die Armutsbekämpfung sei ein Teil von Europa 2020, weil sie eine zentrale Bedeutung für das europäische Wirtschafts- und Sozialmodell habe.

Jedoch räumte auch er ein, dass es teilweise offene Schlagabtausche über die praktische Frage gegeben habe, wie Armut definiert werden sollte. Zudem gebe es "konzeptionelle Probleme" darüber, ob die Beschäftigungsziele – wenn sie denn erreicht werden – die Armut wirksam verringern würden.

Kritiker bezeichneten die Erklärung der EU-Regierungschefs zur Europa-2020-Strategie als Flop. Die Tatsache, dass man sich nicht einmal auf die fünf Spitzenziele der Kommission habe einigen können, hinterlasse einen ernüchternden Nachgeschmack.

Stellungnahmen: 

Die schwedische Europaabgeordnete Lena Ek, ALDE-Sprecherin für die Europa-2020-Strategie, drückt ihre Enttäuschung über den mangelnden Ehrgeiz der Schlusserklärung des Gipfels für die Zehnjahresstrategie der EU aus. "Sprache und Inhalt fehlt es an Dringlichkeit und Entschlossenheit, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um der europäischen Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen. Nach all dem Rummel sind die endgültigen Schlussfolgerungen des Rats ernüchternd", sagte sie.

Die europäische Führungsriege habe sich in diesem zentralen Politikfeld als unzureichend erwiesen. Dabei werde dieses Politikfeld entscheiden, wann and wie ein gesundes, stabiles Wirtschaftswachstum und die daraus resultierende höhere Beschäftigung wiederhergestellt sein könnten.

"Ich sage voraus, dass wir in zehn Jahren wieder am Verhandlungstisch sitzen werden, um eine Wirtschaftsstrategie für 2030 zu erarbeiten", sagte sie.

Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso sagte, es herrsche Einhelligkeit bezüglich der gemeinsamen Zielsetzungen der Europa-2020-Strategie, obwohl weitere Arbeit nötig sein werde, um die Kernziele noch besser abzustimmen.

Es sei unabdingbar, dass die Regierungen die Verantwortung für die Strategie und ihre Umsetzung übernähmen.

"Wir wollen die Mitgliedstaaten ins Boot holen und wir wollen, dass sie wissen, was sie unternehmen werden", sagte Barroso. Über die fünf Zielsetzungen sei man sich grundsätzlich einig.

Er zeigte sich erfreut, dass der Rat auf Grundlage des Kommissionsvorschlags zu einer Einigung gekommen war.

Man werde die Strategie umsetzen, indem man sich auf fünf konkrete Zielsetzungen konzentrieren werde: eine Zielsetzung für Beschäftigung, eine für F&E, eine für Energie und Klima, eine für Bildung und eine für Armutsbekämpfung. Man habe zugestimmt, bis Juni weiter daran zu arbeiten, vor allem bei den Zielsetzungen für Bildung und Armutsbekämpfung.

EU-Präsident Herman Van Rompuy sagte, die Zielsetzungen spiegelten die wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Ziele der europäischen Gesellschaft wider.

"Wir wollen die Zielsetzung der Armutsbekämpfung beibehalten, weil dies Teil des europäischen Modells ist. Diese Zielsetzungen wurden aus wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten beschlossen", sagte er.

Fintan Farrell, Direktor des European Poverty Network, begrüßte vorsichtig die Entscheidung des Rats, die Armutsbekämpfung grundsätzlich in die 2020-Strategie einzubeziehen. Jedoch drückte er seine Besorgnis darüber aus, dass keine belastbare Zielsetzung vorgesehen sei.

Die EU habe scheinbar endlich begriffen, dass Wachstum und Beschäftigung nicht ausreichend seien, um Armut und soziale Ungleichheit zu reduzieren. Doch die Tatsache, dass man sich nicht auf den Kommissionsvorschlag habe einigen können, die Armut um 25% auf Grundlage des derzeit verwendeten Indikators der relativen Armut zu senken, gebe zu Zweifeln über die Entschlossenheit der EU-Regierungschefs Anlass, sich über symbolische Handlungen hinaus wirklich zu einem deutlichen Rückgang von Armut und sozialer Ungleichheit zu verpflichten, so Farrell.

Nächste Schritte: 
  • 17.-18. Juni 2010: EU-Gipfel über spezifische EU-weite und länderspezifische Zielsetzungen
  • Herbst 2010: Mitgliedstaaten sollen Stabilitäts- und Konvergenzprogramme sowie nationale Reformprogramme vorlegen.
Hintergrund : 

Der neue Entwurf einer EU-Strategie für nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung, "Europa 2020", kommt inmitten der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten.

Sie soll die im Jahr 2000 angenommene Lissabon-Strategie ersetzen, die größtenteils damit scheiterte, die EU bis 2010 zur "weltweit dynamischsten, wissensbasierten Wirtschaft" zu machen.

Die neue Agenda stellt Innovation und grünes Wachstum in den Mittelpunkt ihrer Pläne für Wettbewerbsfähigkeit und schlägt zudem eine striktere Überwachung von nationalen Reformprogrammen vor, eine der größten Schwächen der Lissabon-Strategie.

Auf einem Gipfel am 11. Februar stimmten die EU-Regierungschefs einem Papier des Europäischen Ratspräsidenten Herman Van Rompuy zu, das sich für rigorosere Umsetzungs- und Überwachungsmaßnahmen für die neue Strategie aussprach (EurActiv vom 11. Februar 2010).

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