EurActiv Logo
EU-Nachrichten & Politikdebatten
- durch Sprachenvielfalt -
Click here for EU news »
EurActiv.com Réseau

ALLE SEKTIONEN BROWSEN

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Auf Grund des großen Erfolgs von EurActiv Deutschland findet die komplette deutschsprachige EU-Berichterstattung des EurActiv-Netzwerkes nun über Euractiv.de statt.

Die deutschsprachige Fassung von EurActiv.com wird nicht mehr aktualisiert, alle bisherigen übersetzten Texte bleiben aber im Archiv für Sie verfügbar.

Wir freuen uns, Sie künftig auf EurActiv.de begrüßen zu dürfen!

EU-Sondergipfel konzentriert sich auf Wirtschaft und Beschäftigung [DE]

Veröffentlicht 05. Januar 2010 - Aktualisiert 29. Januar 2010
DruckversionSend by email

An seinem ersten Tag als Präsident der Europäischen Union rief Herman Van Rompuy zu einem Sondergipfel, um Wege aus der aktuellen Krise zu suchen und die Wirtschafts- und Sozialagenda für das kommende Jahrzehnt zu skizzieren.

Auf Initiative Van Rompuys werden sich die EU-Regierungschefs am 11. Februar in Brüssel treffen, um über die wirtschaftliche und soziale Krise zu beraten.

„Dies ist mein erster offizieller Arbeitstag”, sagte Van Rompuy in einer Videoansprache am Montag (4. Januar). „Ich bereite bereits den nächsten Europäischen Rat am 11. Februar vor“, sagte er und betonte: „Ich habe die Initiative zur Einberufung dieses Rates ergriffen.“

„Wir brauchen mehr Wirtschaftswachstum, um unser Sozialmodell auf solider Grundlage zu finanzieren [und] unseren europäischen Lebensstil zu erhalten”, erklärte er. Für 2010 wird eine stark ansteigende Arbeitslosigkeit erwartet. So prognostiziert Eurostat einen Höhepunkt von ungefähr 10,3% für die EU-27 bis zum Ende des Jahres (EurActiv vom 16. Dezember 2009).

Die baltischen Staaten, Irland und Spanien sind mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote um mindestens das Doppelte seit Beginn der Wirtschaftskrise die am schlimmsten betroffenen EU-Mitgliedstaaten. Insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit hat in den vergangenen Monaten neue Rekorde erreicht, so ein kürzlich veröffentlichter EU-Bericht (EurActiv vom 25. November 2009).

Der Zustand der öffentlichen Finanzen in einigen europäischen Ländern gibt ebenfalls Anlass zur Beunruhigung. Das griechische Staatsdefizit soll im Jahr 2010 bei über 120% des BIP liegen, womit es zum ersten Mal seit Jahren das italienische Defizit übersteigen würde. Dies führte dazu, dass die Rating-Agentur Fitch Griechenland aufgrund seiner Schulden zum ersten Mal seit zehn Jahren auf ein ‚B’ herunterstufte (EurActiv vom 10. Dezember 2009).

‚2020-Strategie’ der EU

„Ich glaube, dass einige wirtschaftliche Fragen – wie man ein Entgegentreten der negativen Auswirkungen der Krise auf Arbeitsplätze und die öffentlichen Haushalte am besten koordiniert, wie man Strategien für die nächste Phase plant, sobald die Erholung gesichert ist – in den kommenden Monaten ganz oben auf der Tagesordnung der Staats- und Regierungschefs stehen werden“, sagte Van Rompuy.

Letzten November startete die Europäische Kommission ein Konsultationsverfahren zur neuen Wirtschafts- und Sozialstrategie der EU für das kommende Jahrzehnt. Die neue Strategie wird die Lissabon-Agenda für Wachstum und Beschäftigung ersetzen. Einst als Flagschiff-Strategie der EU im Jahr 2000 in der portugiesischen Hauptstadt angenommen, läuft die Lissabon-Strategie dieses Jahr aus.

In ihrem Konsultationsdokument fordert die Kommission die Mitgliedstaaten auf, Europa bis 2020 in Richtung einer umweltfreundlichen, wissensbasierten Wirtschaft zu führen, wobei die Betonung auf vier wesentlichen Prioritäten liegt: Innovation und Wissen, der Kampf gegen Ausgrenzung, umweltfreundliches Wachstum und eine neue Agenda für ein ‚digitales Europa’ (EurActiv vom 19. November 2009).

Zu den anderen Themen, mit denen sich der Gipfel befassen wird, gehören laut Van Rompuy die Folgen der Kopenhagener Konferenz zum Klimawandel, Herausforderungen im Energiesektor sowie Europas „Bestrebungen für mehr Sicherheit und Recht“.

Erster Test für Van Rompuy

Der Gipfel im Februar wird ebenfalls den ersten Test für Van Rompuy in seiner Rolle als EU-Präsident darstellen. Der Posten wurde vom Lissabon-Vertrag geschaffen, der Ende letzten Jahres in Kraft trat.

Einige Analytiker haben gewarnt, dass die Schaffung dieser neuen Position zusätzlich zu den bereits bestehenden hohen EU-Posten nur zu Verwirrung und einem „institutionellen Chaos” führen werde (EurActiv vom 8. Dezember 2009).

Aber Van Rompuy drückte die Auffassung aus, er könne dem Europäischen Rat, der die 27 Staats- und Regierungschefs vereint, eine stärkere politische Ausrichtung verleihen.

„Wir müssen eine Gruppe, einen Kreis bilden, innerhalb dessen man sich einig ist und der für dieselbe Sache arbeitet: die Europäische Union. Wir müssen ebenfalls politischen Entscheidungen, die über unsere traditionellen Schlussfolgerungen hinausgehen, mehr Gewicht verleihen. Wir müssen der Öffentlichkeit eine klare und sichtbare Botschaft übermitteln. Wir haben bereits daran gearbeitet und wir werden dies weiterhin tun.“

Stellungnahmen: 

Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero hatte gesagt, er werde eine größere politische Dimension in der Wirtschaftspolitik der EU suchen, wenn sein Land die EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2010 übernehme (EurActiv vom 29. April 2009).

Bei einer Rede im April vergangenen Jahres sagte er, die EU brauche „eine viel solidere Wirtschaftsregierung […] mit Instrumenten“, um als Einheit an der Wirtschaftsfront zu agieren. „Ich sehe keinen Binnenmarkt und keine Binnenwährung ohne eine Wirtschaftsregierung mit Befugnissen, mit Instrumenten“, sagte er. Der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten Pierre Lellouche sagte, Europa müsse ungedingt nach neuen Wachstumsquellen suchen und nannte dabei wissensbasierte Wirtschaft, Innovation und grüne Technologie als Triebkräfte für diese Entwicklung.

In einer Rede im Dezember 2009 vor seinen für Wettbewerbspolitik zuständigen nationalen Amtskollegen sagte er, die neue 2020-Strategie der EU müsse auch „Platz für die soziale Dimension“ bereit halten, indem industrielle Umstrukturierungen antizipiert, Investitionen in das Bildungssystem getätigt und Umschulungen entlassener Arbeitnehmer unterstützt würden. 

Ebenfalls forderte er die EU auf, einen pragmatischeren Ansatz in der Handelspolitik zu verfolgen. Die Union müsse nach dem Grundsatz der „Gegenseitigkeit“ auf Länder reagieren, die den Zugang zu öffentlichen Aufträgen begrenzen und somit europäische Unternehmen beim Wettbewerb auf den Weltmärkten beschränken.

„Die Frage ist nicht, ob perfekter Wettbewerb zwischen Frankreich und Deutschland gewährleistet ist, sondern ob Europa die notwendigen Instrumente besitzt, um gegen die extrem starke Konkurrenz aus Südostasien, China, Indien oder vom nordamerikanischen Kontinent anzukämpfen“, sagte er.

Er betonte außerdem, dass die neue 2020-Strategie sich nicht auf das „Zusammenfassen von 27 nationalen Strategien“ beschränken dürfe, sondern „politischer“ und „ambitionierter“ sein müsse sowie die Vorteile des neuen institutionellen Rahmens durch den Lissabon-Vertrag im vollem Umfang ausnutzen müsse. Die Strategie müsse „von den Staats- und Regierungschefs“ definiert werden und die Staats- und Regierungschefs der EU sollten deren„strategischen Steuerung“ folgen.

Fabian Zuleeg, Senior Politikanalytiker am European Policy Centre (EPC), einem in Brüssel ansässigen Think-Tank, hielt es für „unwahrscheinlich“, dass der Nachfolger der Lissabon-Agenda für Wachstum und Beschäftigung die „tief sitzenden Herausforderungen“ durch die Verschlechterung der öffentlichen Finanzen, dem demographischen Wandel und dem zunehmenden Bedarf sozialer Sicherungssysteme angehen werde.

„Es scheint in Brüssel und in den Hauptstädten der europäischen Mitgliedsländer wenig Appetit für ein Angehen des strukturellen Wandels zu geben“, schrieb Zuleeg in einem Novemberkommentar für die amerikanische Handelskammer in Brüssel. „Die europäischen Mitgliedstaaten sind ebenfalls zögerlich, neue Mechanismen zur Umsetzung von Strukturreformen auf europäischer Ebene in Betracht zu ziehen, auch wenn klar ist, dass das alleinige Vertrauen auf weiche Maßnahmen eine der Hauptschwächen der derzeitigen Lissabon-Strategie darstellt.“

„Politisch haben viele Regierungen Angst davor, auf Änderungen zu drängen. Strukturreformen beinhalten Umstrukturierung und Übergang, die Kosten für die Teile der Gesellschaft verursachen, die bereits unter der Krise leiden. „Das Ausmaß solcher Änderungen im Bereich der Gesundheit, Bildung, Sozialleistungen und Renten „wirkt sich direkt auf große Teile der Bevölkerung aus und kann die Wahlchancen beeinflussen“, fügte er hinzu.

Nächste Schritte: 

• 15. Jan. 2010: Ende der Konsultation über die Strategie ‚EU-2020’. 

• Jan. 2010: Neue Europäische Kommission soll endgültigen Vorschlag für die EU-2020-Strategie vorlegen.

• 11. Feb. 2010: Inoffizieller EU-Gipfel soll über Wirtschaftskrise beraten und die 2020-Strategie festlegen.

• März/Juni 2010: EU-Gipfel soll endgültige Strategie annehmen.

Am 8. September veranstaltete Fondation EurActiv einen Workshop zu den Prioritäten der nächsten Europäischen Kommission und die Ersetzung der Lissabon-Strategie für Beschäftigung und Wachstum (Programm hier). Wenn die neue Kommission im Amt ist, wird EurActiv die Lissabon-Agenda weiter unter der Rubrik Prioritäten der EU und in einer Themenwoche (Programm hier) verfolgen

Hintergrund : 

Auf einem Gipfel am 20. November wählten die Staats- und Regierungschefs der EU den belgischen Ministerpräsidenten Herman Van Rompuy als ersten ständigen Präsidenten und die Britin Catherine Ashton als Hohe Vertreterin für Außenpolitik der EU (EurActiv vom 20. Dezember 2009).

Die beiden Ämter wurden durch den Lissabon-Vertrag geschaffen, der am 1. Dezember 2009 in Kraft trat, nachdem er von der Tschechischen Republik ratifiziert wurde. Als EU-Präsident für zweieinhalb Jahre wird in der Leitung der EU-Gipfeltreffen und der Vertretung der Union auf der Weltbühne bestehen.

Er trat sein neues Amt am 1. Januar 2010 an.

More in this section

Advertising

Advertising

Advertising