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EU will einen neuen Atlantizismus

Veröffentlicht 29. März 2010 - Aktualisiert 31. März 2010
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Um gegenüber den USA wieder an Boden zu gewinnen, hat die Europäische Union den USA eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen über den traditionellen Atlantizismus hinaus vorgeschlagen. Die neuen Beziehungen sollten ihr zufolge ergebnisorientiert sein und von strategischen Prioritäten geleitet werden.  

Beim Brussels Forum des German Marshall Fund legten der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso sowie Herman Van Rompuy, ständiger Präsident des Europäischen Rats, ihre Vorstellungen für ein Wiederaufleben der transatlantischen Beziehungen dar.

Europa und die Vereinigten Staaten stünden am Scheideweg, sagte Barroso. In einer sich verändernden Welt müsse sich die Partnerschaft zwischen beiden den neuen Realitäten anpassen, wenn sie weiterhin gedeihen solle.

Eine dynamischere, ergebnisorientierte Partnerschaft

In einer Welt voller neuer Bedrohungen und Herausforderungen ist laut Barroso eine dynamischere Partnerschaft nötig – eine, die sich deutlicher als bisher nach außen richte und mehr Drittparteien involviere, einschließlich China, Indien und Brasilien.

"Wir können auf das Erreichte aufbauen, indem wir uns gemeinsam bemühen, die Architektur der internationalen Kooperation zu reformieren, indem wir zusammen gegen den Klimawandel vorgehen und uns um größere Energiesicherheit bemühen und indem wir einen gemeinsamen transatlantischen Raum der Sicherheit schaffen", sagte Barroso weiter.

Dieser Faden wurde auch von Van Rompuy aufgegriffen. Dem Publikum aus US-Vertretern sagte er, dass die EU und die USA gemeinsame Antworten auf alte und neue Formen weltweiter Unsicherheit suchen und andere zur Teilnahme daran auffordern sollten. "So sehe ich unsere gemeinsame Geschichte", sagte der Präsident des Europäischen Rats.

Ein Jahr angespannter Beziehungen überwinden

Die Zusammenarbeit zwischen der EU und den USA im ersten Jahr unter US-Präsident Barack Obama fällt bestenfalls gemischt aus und liegt zumindest deutlich unter den Hoffnungen, die man sich nach seiner Wahl 2008 gemacht hatte.

Constanze Stelzenmüller, Expertin beim German Marshall Fund, macht nicht ein, sondern gleich mehrere Hindernisse aus, die die ursprüngliche Begeisterung für die neue Partnerschaft zwischen EU und USA getrübt haben.

Dazu zählt die Expertin unter anderem die unwillige Haltung Europas, freigelassene ehemalige Guantánamo-Häftlinge aufzunehmen, sowie den Widerstand gegen Forderungen Obamas nach stärker keynesianisch ausgerichteten Maßnahmen zur Überwindung der Finanzkrise.

Auf Anfragen der USA nach mehr Truppen in Afghanistan wurde ebenfalls monatelang mit eisigem Schweigen reagiert und ein Abkommen zum Austausch von Bankdaten, mit dem mutmaßliche Terroristen überwacht werden sollte, wurde vom Europäischen Parlament verhindert.

Europa hat aber ebenso Gründe, frustriert zu sein (siehe "Hintergrund"). So wurde die Union während der Verhandlungen über das endgültige Klimaabkommen in Kopenhagen übergangen. Außerdem wurde sie von Washington ignoriert, als die amerikanische Regierung im Alleingang eine Reform des US-Bankensystems ankündigte, welche die Diskussionen im Rahmen der G20 unterlief. Schließlich sorgte die Entscheidung Obamas, seine Teilnahme an einem geplanten EU-US-Gipfel im Mai abzusagen, für Enttäuschung.

Jedoch dürfe man nicht jede Meinungsverschiedenheit gleich als Krise oder Zusammenbruch bewerten, betonte Van Rompuy. Stattdessen seien derartige Zankereien ein Zeichen für die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen.

"Uns verbindet etwas Grundsätzlicheres, eine längerfristige Beziehung. Die einzige einfache Beziehung ist eine leere Beziehung!", schloss Van Rompuy.

Barroso II setzt auf globales Europa

Brüssel mag sich in den letzten fünf Jahren auf eine Konsolidierung der erweiterten Europäischen Union und die endgültige Ratifizierung des Lissabon-Vertrags konzentriert haben, doch die zweite Barroso-Kommission ist entschlossen, eine Agenda für ein globales Europa auszuarbeiten. Dies kann jedoch nicht ohne die USA erfolgen.

Allerdings weist Stelzenmüller darauf hin, dass die Europäische Union nicht einmal ansatzweise über eine transatlantische Politik, geschweige denn über eine wirklich globale Außen- und Sicherheitspolitik verfügt. Die Beziehungen zwischen der EU und den USA seien historisch, umfassend und tiefgreifend, allerdings nicht strategisch – zumindest nicht aus Sicht Amerikas.

Als Präsident Obama vor einem Jahr im Europäischen Parlament sprach, betonte er, dass die Bedeutung der Beziehung in Zukunft nicht von der gemeinsamen Geschichte oder von geteilten Werten und Interessen abhängen werde, sondern vom Willen und von der Fähigkeit Europas, sich den neue globalen Realitäten anzupassen und seine Lasten mit den USA und anderen zu teilen.

Barroso und Van Rompuy scheinen diesem Ruf folgen zu wollen, indem sie eine konstruktivere Partnerschaft schaffen wollen, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – Klimawandel, Computerkriminalität, Verbreitung von Kernwaffen und Terrorismus – besser angehen zu können.

Stellungnahmen: 

In einer Gesprächsrunde über die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen für eine immer stärker globalisierte Welt sagte die Hohe EU-Vertreterin für Außenbeziehungen und Sicherheitspolitik Catherine Ashton, die transatlantischen Beziehungen seien für Unternehmen und Menschen von herausragender Bedeutung.

Sie leugnete, dass die transatlantischen Beziehungen derzeit an einer "Wertekrise" leiden. Diese Beziehung werde "für immer" Bestand haben.

Im direkten Widerspruch zu Ashton betrachtete der estnische Präsident Toomas Ilves hingegen die Probleme, die während der letzten 60 Jahre die transatlantischen Beziehungen dominiert haben, als gelöst. Europa sei nicht mehr derart auf dem Radarschirm der USA, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Die wahren Probleme für die Vereinigten Staaten lägen anderswo.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussenhält es für nötig, dass die EU mehr in Verteidigung investiert, wenn sie global mitspielen will. Er warnte die Europäer vor der Gefahr, die transatlantischen Beziehungen als selbstverständlich hinzunehmen.

Beim Brussels Forum bestätigte der Nato-Chef, dass der Lissabon-Vertrag der EU eine stärkere Sicherheits- und Verteidigungspolitik ermöglicht. Diese werde allerdings ein "Papiertiger" bleiben, solange es keine konkreten Beiträge gebe, wenn konkrete militärische Beiträge nötig seien.

"Wir haben die große Verantwortung, sowohl politisch als auch durch Investitionen in die nötigen Kapazitäten eine klares Engagement zu demonstrieren", sagte er in Bezug auf sinkende europäische Verteidigungsausgaben.

Rasmussen merkte an, dass die Zustimmung der US-Bevölkerung für die Nato einen Tiefpunkt erreicht hat. Europa müsse die Amerikaner vom Wert der transatlantischen Partnerschaft überzeugen. Am besten könne man den Wert des Bündnisses durch praktische Beispiele demonstrieren, etwa die Beiträge der Bündnispartner zur gemeinsamen Operation in Afghanistan.

Anne-Marie Slaughter, Direktorin für Politikplanung im US-Außenministerium, hielt es für eine "gute Sache", dass die transatlantischen Beziehungen keine Schlagzeilen machen. Sie lobte den Lissabon-Vertrag der EU, der die neue Rolle für Baroness Ashton geschaffen hat. Nach Lissabon sei man in einer besseren Ausgangslage, um wichtige Partner bei der Lösung globaler Probleme zu sein.

Die US-Vertreterin fügte hinzu, dass Außenministerin Hillary Clinton es als "enormen Vorteil" empfinde, Ashton als "ebenbürtige Kollegin" anrufen zu können.

EU-US relations 'at a crossroads': Barroso
Hintergrund : 

Das Verhältnis zwischen EU und USA war in den vergangenen Jahren oft angespannt. So gab es deutliche Meinungsunterschiede bei Fragen vom Irakkrieg bis hin zum Kyoto-Protokoll und dem Internationalen Strafgerichtshof.

Nach der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten erwartete die EU einen Wechsel in den transatlantischen Beziehungen (EurActiv vom 14. November 2008). Doch jüngste Vorfälle haben die Beziehungen noch weiter angespannt.

Da war zunächst die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009, als Präsident Barack Obama die EU außen vor ließ, um eine Einigung mit China und Indien zu erreichen (EurActiv vom 19. Dezember 2009).

Brüssel war außerdem enttäuscht, als die US-Regierung eine Reform ihres Bankwesens ankündigte und damit im Alleingang die Gespräche über eine Koordinierung von Vorschriften für Finanzdienstleistungen, die vom Finanzstabilitätsrat innerhalb der G20 geführt wurden, unterhöhlte.

Es kam noch schlimmer: Obama entschied sich gegen eine Teilnahme am jährlichen EU-US-Gipfel im Mai in Madrid, da er im eigenen Land wichtigere Aufgaben erledigen musste (EurActiv vom 2. Februar 2010).

Die Überschneidungen scheinen auch bei Fragen der Terrorismusbekämpfung geringer zu sein. So lehnte das Europäische Parlament im Februar das SWIFT-Abkommen über das Weiterleiten von Bankdaten an die USA ab (EurActiv vom 11. Februar 2010).

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