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EU zieht Warnsystem für extreme Schulden in Betracht

Veröffentlicht 06. Mai 2010 - Aktualisiert 07. Mai 2010
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Während die Eurogruppe morgen (7. Mai) in Brüssel zusammen trifft, um einen Rettungsmechanismus für das hoch verschuldete Griechenland zu untermauern, zieht die Europäische Kommission neue Politikmaßnahmen in Betracht, um zu verhindern, dass öffentliche Schulden akzeptable Grenzen überschreiten.

Der Kommission zufolge hat der Quotient von EU-Schulden und EU-BIP „seinen größten Anstieg innerhalb eines Jahres in Friedenszeiten jemals“ gemacht und sich von 61,5 Prozent im Jahr 2008 auf 72,6 Prozent im Jahr 2009 gesteigert.

Der Quotient soll 2011 die 83,7 Prozenthürde erreichen (und 88,2 Prozent in der Eurozone).

In den Nachwehen der internationalen Finanzkrise und der sich abspielenden griechischen Schuldenkrise versuchen die Europäische Kommission und einige Mitgliedsstaaten nun die Krise zu nutzen, um eine neue striktere Politik einzuführen.

„Die Zeit für mutige Entscheidungen ist jetzt“, so ein Kommissionsbeamter.

„Eine Debatte über Schulden wäre noch vor einem Jahr Tabu gewesen. Jetzt verspüren wir eine allgemeine Unterstützung, die schon in drei Monaten vorbei sein könnte.“

Auf die ausdrückliche Einladung von Deutschland und Frankreich hin (siehe Positionen) sagte EU-Kommissar Olli Rehn gestern (5. Mai), dass Europa mehr „Aufmerksamkeit auf Schulden und nicht nur auf Defizit lenken muss“, als er die vierteljährliche wirtschaftliche Voraussage der Kommission in Brüssel vorlegte.

Mehr Budgettransparenz

Mehr  Aufmerksamkeit für Schulden bedeutet, dass Eurostat, das Statistikbüro der Europäischen Kommission, damit beauftragt werden könne, Aufgaben der Quasi-Wirtschaftsprüfung zu übernehmen, um Budgetdisziplin nicht nur der nationalen sondern auch der regionalen Regierungen zu prüfen, so Rehns Sprecher.

Dies könnte Regierungen daran hindern, Schwarze Löcher in dezentralisierten Budgetlinien zu verstecken, wie es teilweise der Fall in Griechenland war, welches beschuldigt wird, über seine Kontenführung seit Jahren gelogen zu haben.

Ein neues Schuldenziel?

Trotzdem wird größere Transparenz nicht als ausreichend angesehen. In einer Mitteilung, die darauf abzielt, die Überwachung der Eurozone zu stärken, und die am nächsten Mittwoch (12. Mai) veröffentlicht werden soll, erwartet man, dass die Kommission wesentlich stärkere Maßnahmen vorschlagen wird.

Während Details des Vorschlags noch diskutiert werden, denkt Brüssel darüber nach, ein Verfahren für den Regelbruch vorzulegen, um den Druck auf Länder zu erhöhen, deren Schulden außer Kontrolle geraten.

In der Tat liegen die meisten Eurozonenmitglieder augenblicklich über der 60 Prozent Schulden-BIP Grenze, die in den Stabilitäts- und Wachstumspakt hineingeschrieben wurde, und Deutschland und Frankreich befürworten härtere Maßnahmen gegen die am höchsten verschuldeten Länder.

Unter den Plänen, die zurzeit von der Kommission beraten werden, könnte eine neue absolute Obergrenze für Schulden oder die Neuverschuldung eingeführt werden. Die Zusammenstellung von Schulden könnte auch berücksichtigt werden, um Länder zu bevorzugen, deren Schulden hauptsächlich aus Eigenpassiva bestehen und nicht von Investmentbanken außerhalb Europas gehalten werden.

Sollte solch ein Überwachungssystem akzeptiert werden, wäre Griechenland nicht das einzige Land unter Beobachtung: Italien, dessen Schulden auf 117,8 Prozent des BIP 2009 geschätzt wurden, Belgien (104 Prozent), Irland (96,2 Prozent) und Portugal (91,1 Prozent) würden alle erneut untersucht werden. Obwohl Paris härtere Regeln wünscht, liegt es selbst bei 87,6 Prozent des BIP.

Tatsächlich ist das Spiel noch völlig offen und die Eurogruppe wird am Freitag (7. Mai) dieses Thema wahrscheinlich diskutieren, so ein Sprecher des EU-Rats.

Schuldensenkung erfordert eine bedeutsame Anstrengung, unter anderem den allmählichen Abbau einiger Maßnahmen des Konjunkturpakets, welches während der Krise angenommen wurde, und grundlegende Anpassungen, „in vielen Fällen über 0,5 Prozent des BIP hinausgehend“, so die Kommission.

Bisherige Erfahrung zeigt, dass dies nicht unmöglich wäre.

Vor der internationalen Finanzkrise schaffte es Belgien, seine Schulden 2007 auf 84,2 Prozent zu kürzen, von einem Spitzenwert von 130 Prozent in den frühen 90er Jahren. Großbritannien hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Hochpunkt von 300 Prozent des BIP, den es bis 1990 schrittweise auf 33 Prozent verkürzte.

Senkung der Regionalhilfen für Sünder

Eine weitere Maßnahme unter Diskussion, obwohl nicht unbedingt im Zusammenhang mit exzessiven Schulden, ist die Möglichkeit, Ländern, die regelmäßig den Stabilitäts- und Wachstumspakt brechen, die EU-Regionalhilfen zu kürzen:

Kanzlerin Angela Merkel betonte gestern ihre Unterstützung für die Idee. „Teil der Sanktionen müssen auch Kürzungen von EU-Geldern sein“, sagte sie in Berlin und bezog sich auf den Bedarf nach einem stärkeren Stabilitäts- und Wachstumspakt.

Kommissar Rehn hatte schon in einer kürzlich gehaltenen Rede in Brüssel im April diesen Jahres angedroht, solche Sanktionen anzuwenden (EurActiv 15.04.10). 

Stellungnahmen: 

Der Präsident des EU-Rats Herman Van Rompuy kündigte an, dass der außerordentliche Gipfel der Eurozone am Freitag nicht davor zurückschrecken werde, wichtige Themen anzusprechen. „Wir haben fundamentale Reformen durchzuführen und wir werden sie ausführen. Dies ist eine Hauptpriorität für mich und für den Europäischen Rat“, sagte er am Mittwoch (5. Mai).

Kanzlerin Angela Merkel versteckte ihre Absichten im Vorfeld des Treffens am Freitag nicht. Die, die sich nicht an die Defizitgrenze des Maastricht-Vertrags halten, sollten einen Teil ihres Anrechts auf die Gelder der Struktur- und Landwirtschaftsfonds verlieren.“

„Und als letzte Konsequenz bedeutet dies nichts anderes als wiederholten Sündern Stimmrechte abzusprechen, wenigstens auf begrenzte Zeit, und für die Extremfälle müssen wir ein Verfahren entwickeln für die geregelte Zahlungsunfähigkeit eines Mitglieds der Eurozone. Wenn Vertragsänderungen dafür nötig sind, die permanente Stabilität der Währungsunion zu erreichen, was sehr wahrscheinlich aussieht, dann wird die Regierung, und ich persönlich, dafür eintreten.“

In dieser Woche sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde der Tageszeitung Le Monde in einem Interview: „Wir müssen in der Lage sein, auf eine effektivere Art einzugreifen, wenn Schulden, Defizite oder Wettbewerbsfähigkeit zu einem Problem werden“.

Sie schlug vor, „präventive Mechanismen und Warnsysteme einzurichten, die darauf abzielen, früher festzustellen, wenn ein Land kur davor steht, Kontrolle über Schulden, Defizite oder Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren“.

Italien auf seiner Seite scheint in der Frage zurückhaltender. Außenminister und früherer Kommissionspräsident Franco Frattini betonte gestern, dass „der Stabilitäts- und Wachstumsplan adaptiert werden müsse, nicht verdreht“.

Nächste Schritte: 
  • 7. Mai 2010: Außerordentliches Treffen der Eurogruppe in Brüssel
  • 12. Mai 2010: Kommission will Mitteilung zur Einrichtung eines Systems der politischen Koordination vorlegen, das auf breiterer und größerer Überwachung für Eurozonenmitglieder basiert
Hintergrund : 

Der Stabilitäts- und Wachstumspakt, der gemeinsame Regeln für den Euro setzt, zieht öffentliche Schulden in Betracht, um die finanzielle Stabilität eines Mitgliedsstaates oder eines potentiellen Beitrittslandes zu erwägen.

Unter anderem stipuliert der Pakt, dass das öffentliche Defizit unter drei Prozent des BIP liegt und die Staatsverschuldung höchstens 60 Prozent des BIP, oder nahe an diesem Wert, beträgt.

Doch während Defizite konstant die Aufmerksamkeit der EU-Institutionen auf sich ziehen, ist die Schuldengrenze übersehen worden.

Mitgliedsstaaten, die in einem bestimmten Jahr über der 3-Prozent-Grenze liegen, werden offiziell von der Kommission gerügt. Dies schließt keine Strafgebühren ein, doch hat es einen Einfluss auf die Märkte sowie auf nationale politische Debatten. Derzeit existieren keine vergleichbaren Maßnahmen für die Überschreitung der Schuldengrenze.

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