53,4% der irischen Wähler haben gegen den Lissabon-Vertrag gestimmt, 46,6% dafür. Die Wahlbeteiligung war mit 53,1% nicht so niedrig, wie ursprünglich erwartet.
Mit insgesamt 862 415 Gegenstimmen wurde der Lissabon-Vertrag, der die 495 Millionen Bürger der EU betroffen hätte, von 0,175% der Bevölkerung der Union abgelehnt und die EU wurde damit erneut in eine ernsthafte Krise gestürzt.
Während viele darüber verärgert sind, dass dem gesamten EU-Projekt von einer solch niedrigen Zahl ein Schlag versetzt werden konnte, behaupten viele Kampagnenführer, die das Referendum unterstützten, dass die Meinung der „stillen Mehrheit“ nicht berücksichtigt worden sei. Sie sind der Ansicht, dass das Ergebnis in anderen Ländern ähnlich gewesen wäre, wenn auch dort Referenden abgehalten worden wären.
Eine Abstimmung gegen „Euro-Kauderwelsch“
Das vielleicht größte Paradox, das von den irischen Politikern hervorgehoben wurde, ist, dass die breite Mehrheit der irischen Bürger nicht anti-europäisch ist und weitestgehend anerkennt, dass ihr Land von der EU-Mitgliedschaft überwiegend profitiert hat.
Dennoch stimmte die Mehrheit der Iren nach einer einmonatigen Kampagne, die durch den Rücktritt des ehemaligen Premiers Bertie Ahern wegen Korruptionsbeschuldigungen negativ beeinflusst wurde, gegen das „Euro-Kauderwelsch“, das das „Ja“-Lager sowie der beinahe unlesbare Vertragstext benutzten – sogar Aherns Nachfolger, Brian Cow, gab zu, den Text nicht gelesen zu haben.
Die EU-Staats- und Regierungschefs haben offensichtlich das wahre Problem der Abstimmung – die mangelnde Kommunikation zwischen den Brüsseler Elfenbeintürmen und den europäischen Bürgern – nicht erkannt und gaben überstürzt gewichtige Stellungnahmen ab und erteilten Ratschläge zu Wegen aus der Krise.
Während viele dieser Politiker, darunter auch Kommissionspräsident José Manuel Barroso, bis zuletzt behaupteten, dass es keinen Plan B gebe und dass die Entscheidung der Iren respektiert würde, sagen sie nun, dass der Vertrag nicht „gestorben“ sei und dass man von der irischen Regierung erwarte, dass sie die weitere Vorgehensweise erörtere.
Der Wahlausgang hat die Union in einen Zustand der Verwirrung gestürzt, in dem Staats- und Regierungschefs, die derselben Partei oder sogar derselben Regierung angehören, gegensätzliche Ideen zum Ausdruck bringen. Während Frankreichs Europaminister Jean-Pierre Jouyet beispielsweise deutlich machte, dass nun das Wichtigste sei, den Ratifizierungsprozess in den anderen Ländern fortzusetzen, bezeichnete sein Premierminister François Fillon den Lissabon-Vertrag als „gestorben“.
Während sich die slowenische Ratspräsidentschaft ihrem Ende nähert, wird es nun vor allem die Aufgabe der bevorstehenden französischen Ratspräsidentschaft sein, einen Weg aus der Krise zu finden. Ironischerweise war es Frankreich gewesen, das die EU in einen ähnlich chaotischen Zustand gestürzt hatte, als seine eigenen Bürger im Jahr 2005 die Verfassung abgelehnt hatten.
Die Absicht der Franzosen scheint es zu sein, die Ratifizierung fortzusetzen. Unterdessen könnte eine Wiederholung des Referendums durchgeführt werden, wie dies geschehen war, nachdem die Iren den Vertrag von Nizza im Jahr 2001 zunächst abgelehnt hatten.
Es sei denn, eine andere, originellere Lösung kann gefunden werden…
Der Ausschluss Irlands?
Eine der radikalsten Ideen, die zum Ausdruck gebracht wurden, ist der Ausschluss Irlands aus der EU. Jouyet hat solche Fantasien abgelehnt, und sagte, man könne kein Land von der EU ausschließen, das seit 35 Jahren dabei sei. Er schlug stattdessen vor, man müsse alternative „Methoden einer spezifischen Zusammenarbeit finden“, die es dem Rest Europas ermöglichten, voranzuschreiten. Wenn Irland isoliert werde, während Europa voranschreite, könnte dies zu einem Europa „à la carte“ führen.
Geringstenfalls könnte sich die Ratifizierung verzögern
Während des bevorstehenden EU-Gipfels am 19. und 20. Juni 2008 werden Großbritannien, Frankreich und Deutschland genauso wie die Tschechische Republik, Polen und Schweden voraussichtlich erklären, dass sie den Ratifizierungsprozess in den übrigen Ländern fortsetzen wollen. Dies bedeutet, dass alle 26 anderen EU-Mitglieder den Vertrag bis Ende des Jahres ratifiziert haben werden. Die Tschechische Republik könnte sich zudem als Problemfall herausstellen, da dort die Ratifizierung bereits verschoben wurde (EurActiv vom 16. Juni 2008).
Die EU-Staats- und Regierungschefs werden Irland voraussichtlich befragen, wie das Land beabsichtige, fortzufahren. Damit würde der Druck auf Dublin erhöht, bestimmte Änderungen, Opt-Outs oder Zusicherungen in den Vertragstext aufzunehmen, um somit ein zweites Referendum abhalten zu können. Das Land könnte auch einen Weg finden, es den anderen Ländern zu ermöglichen, die zentralen Reformen fortzuführen – ohne Irland. Es wurden jedoch auch Vermutungen laut, dass die Regierung bis zum Gipfel bereits zurückgetreten sein könnte.
Wird die EU schwächer?
Wenn es der EU nicht gelingt, einen schnellen Weg aus der Krise zu finden, wird sie auf internationaler Ebene vermutlich geschwächt – vor allem in ihrer Zusammenarbeit mit Staaten wie Russland und dem Iran. Tatsächlich war es ein Hauptziel des neuen Vertrages, der EU in der internationalen Arena mehr politische Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Der Lissabon-Vertrag sieht die Schaffung eines Postens für einen ständigen EU-Ratspräsidenten und eines diplomatischen Dienstes vor sowie die Stärkung der Rolle des Hohen Vertreters der EU für die Außen- und Sicherheitspolitik.
Durch das irische Referendum ist all dies ins Wanken geraten, was auch Auswirkungen auf den Erweiterungsprozess der EU hat. Ein weiteres Ziel des Vertrages war es auch, die Fähigkeit der Union, ihre neuen Mitglieder zu integrieren, zu verbessern.
Dennoch wird Europa nicht plötzlich zusammenbrechen, da es bisher unter dem Vertrag von Nizza gut funktioniert hat – sogar nach der Erweiterung auf 27 Mitglieder.
Was dagegen tatsächlich fraglich ist: Werden die europäischen Politiker die Botschaft der Bürger verstehen? Oder werden sie die Situation im Vorfeld der Europawahl Mitte 2009 noch schwieriger gestalten?



