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Schelewas Rückzug: Rückschlag für Barroso-II-Pläne [DE]

Veröffentlicht 20. Januar 2010 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Rumiana Schelewa, die umstrittene designierte bulgarische Kommissarin, kündigte am Dienstag (19. Januar) ihren Rücktritt von allen politischen Ämtern an, nachdem letzte Woche während einer parlamentarischen Anhörung Vorwürfe des Fehlverhaltens gegen sie laut geworden waren. Die Abstimmung über die neue Kommission ist nun für den 9. Februar geplant.

In einer Erklärung kündigte die Europäische Kommission an, dass Kristalina Georgiewa, die derzeit für die Weltbank arbeitet, Schelewa als designierte bulgarische Kommissarin ersetzen wird.

„Heute hat [Kommissions-] Präsident [José Manuel] Barroso den Rückzug von Frau Schelewa als designierte Kommissarin zur Kenntnis genommen”, so eine Erklärung aus dem Büro des Präsidenten. „Er respektiert diese persönliche Entscheidung vollkommen.“

Schelewa kündigte ebenfalls ihren Rücktritt als bulgarische Außenministerin an.

Es blieb allerdings unklar, ob Georgiewa dasselbe Ressort für humanitäre Hilfe und Krisenbewältigung erhalten würde, das für ihre Vorgängerin vorgesehen worden war. Demnach könnte eine breitere Umstrukturierung in der Barroso-II-Mannschaft stattfinden. 

Wie der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek heute (19. Januar) ankündigte, wird die Abstimmung über die zweite Barroso-Kommission nun wahrscheinlich am 9. Februar stattfinden. Er schloss Veränderungen an den Portfolios der „problematischen“ Kommissare jedoch nicht aus.

Mit seiner Unterstützung Schelewas am 15. Januar war Kommissionspräsident José Manuel Barroso auf Konfrontationskurs zu den Sozialdemokraten und Liberalen im Europäischen Parlament gegangen. Diese hatten nachdrücklich einen Austausch der Kandidatin gefordert (EurActiv vom 15. Januar 2010).

Während der Anhörung war es Schelewa nicht gelungen, Vorwürfe über mögliche Interessenskonflikte auszuräumen. Zudem gab sie enttäuschende Antworten auf inhaltliche Fragen. So wurde zum Beispiel deutlich, dass sie nicht wusste, wo der Golf von Aden liegt (EurActiv vom 13. Januar 2010).

Der Europaabgeordnete Joseph Daul, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP), wies in Straßburg die Vorwürfe gegen Schelewa zurück, die er „haltlos“ nannte.

„Ich protestiere gegen diese Art der Politik”, sagte Daul. Er sei immer noch der Auffassung, dass Schelewa für den Posten geeignet sei.

Der Europaabgeordnete József Sjájer, der für die EVP-Fraktion die parlamentarischen Anhörungen der Kommissare verfolgt, hielt Schelewas „persönliche Integrität“ für wiederhergestellt, nachdem die juristischen Dienste des Parlaments und der Kommission positive Stellungnahmen bezüglich ihrer Erklärungen über ihre finanziellen Interessen veröffentlicht hatten.

Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten Martin Schulz wies hingegen die Ansicht zurück, dass Schelewa für den Posten als Kommissarin für humanitäre Hilfe geeignet sei. Er wies auf die Probleme hin, die entstehen könnten, wenn eine Person ohne notwendige Qualifikationen auf so schwierige Situationen wie das Erdbeben in Haiti reagieren müsse.

„Ich bedauere die Art und Weise, wie die EVP-Fraktion verzweifelt versucht hat, sie trotz ihrer Vorstellung zu retten. Es war ein ernsthafter Fehler, politische Ausrichtung vor der grundsätzlichen Befähigung für den Posten zu setzen“, so Schulz.

Wie parlamentarische Quellen EurActiv mitteilten, hatte Schelewa bereits nach ihrer Anhörung am 12. Januar (EurActiv vom 13. Januar 2010) den Wunsch zum Rückzug geäußert. Jedoch sei sie von führenden EVP-Mitgliedern dazu gedrängt worden, im Rennen zu bleiben.

Bulgarischen Quellen zufolge ist Ministerpräsident Boiko Borissow sich allmählich darüber bewusst geworden, dass die Vorwürfe gegenüber Schelewa seiner eigenen Partei GERB schadeten. Diesen Quellen zufolge hätte Borissow sie bereits vor Tagen ersetzen können, aber die Strategie der konservativen Politiker in Brüssel sei es gewesen, Schelewa für den Posten beizubehalten. Die Politikerin wurde vor kurzem zur Vizepräsidentin der EVP gewählt.

Schelewas Ersatz, Kristalina Georgiewa, ist derzeit Vizepräsidentin der Weltbank und arbeitet dort seit 1993, wo sie sich zunächst mit Umwelt- und anschließend mit Sozialfragen beschäftigte. Sie war ebenfalls Vertreterin der Weltbank in Russland und arbeitete als Direktorin für das Nachhaltigkeitsnetzwerk der Weltbank.

Umbildung der Kommission?

Der EVP-Fraktionschef und Europaabgeordnete Joseph Daul schien in Straßburg anzudeuten, dass Schelewas Rückzug Ressortänderungen für andere Kommissare nach sich ziehen könnte.

Daul wiederholte die Ansicht, dass Olli Rehn, der designierte finnische Kommissar für Wirtschafts- und Währungsfragen, sowie die niederländische Kommissarin Neelie Kroes, die für die digitale Agenda zuständig sein soll, bei ihren Anhörungen nicht überzeugt hätten. Beide Politiker sind mit der liberalen ALDE-Partei verbunden.

Zudem griff er die Hohe Vertreterin für Außenbeziehungen Catherine Ashton (Großbritannien, Labour) scharf dafür an, dass sie sich trotz der dramatischen Situation auf Haiti angeblich übers Wochenende frei genommen habe. Obwohl die Anhörung der griechischen Kandidatin und Sozialdemokratin Maria Damanaki zu dem Zeitpunkt noch im Gange war, sagte er, er habe Anzeichen dafür, dass ihre Leistung nicht gut gewesen sei.

In Brüssel konnte ein Kommissionssprecher heute nicht bestätigen, dass Georgiewa dasselbe Ressort wie Schelewa erhalten wird. Parlamentarische Quellen wiesen darauf hin, dass sich das Anhörungsverfahren bei zu vielen Änderungen der Portfolios hinziehen würde und es länger dauern würde, bis die zweite Barroso-Kommission im Amt sei. 

Dieselben Quellen bestätigten, dass Georgiewa bereits am Donnerstag, den 21. Januar, in Straßburg sein werde, um sich zum ersten Mal mit Kommissionspräsident Barroso, EVP-Vertretern und dem Entwicklungsausschuss des Parlaments zu treffen. Letzterer würde sie für den Fall, dass sie dasselbe Ressort wie Schelewa erhält, befragen.

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Stellungnahmen: 

Einem Bericht von Dnevnik, EurActivs Partner in Bulgarien, zufolge hat der bulgarische Ministerpräsident Boiko Borissow den Rücktritt Schelewas als bulgarische Außenministerin abgelehnt. 

Borissow habe Schelewas Brief, in dem sie ihren Rücktritt von allen politischen Ämtern ankündigte, der Presse gezeigt. Seine zustimmende Reaktion: „Ja, aber nur als Kommissarin.“

Borissow zufolge habe ihm der EVP-Fraktionschef Joseph Daul in einem kürzlich geführten Gespräch über Schelewa gesagt: „Boiko, das ist nicht dein Problem. Das ist unser Problem.“

Der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek kündigte an, die Anhörung der neuen bulgarischen designierten Kommissarin werde am 3. Februar stattfinden. Die Abstimmung im Plenum über die gesamte zweite Barroso-Kommission ist für den 9. Februar vorgesehen, kurz vor dem EU-Frühlingsgipfel am 11. Februar.

Zudem kündigte Buzek an, dass Kristalina Georgeiwa, die neue designierte bulgarische Kommissarin, vor Ende der Woche einen Fragebogen erhalten werde.

„Ich bin mir bezüglich einer solchen Tagesordnung fast sicher”, sagte Buzek auf Englisch. Das Parlament werde seine Konferenz der Präsidenten am Donnerstagmorgen, dem 21. Januar, abhalten. Alle Einzelheiten werden bei dieser Gelegenheit geklärt.

Von EurActiv auf mögliche Veränderungen der Ressorts angesprochen, schloss er diese Möglichkeit nicht aus. Dies wäre ihm zufolge jedoch ein klarer Grund für neue Anhörungen, die in der Zwischenzeit stattfinden könnten. Er betonte jedoch, dass die letztendliche Entscheidung bezüglich Ressortveränderungen bei Kommissionspräsident Barroso liege.

Der Ko-Vorsitzende der Fraktion der Grünen/FEA Daniel Cohn-Bendit sagte gegenüber der Presse ebenfalls, dass er bei den Ressorts Änderungen erwarte.

„Es ist offensichtlich, dass einige Anhörungen nicht gut verlaufen sind. Wir müssen sehen, wie wir auf diese Rückschläge reagieren können“, sagte Cohn-Bendit.

Cohn-Bendit kritisierte insbesondere Catherine Ashton, in der derzeitigen Kommission für die Außenbeziehungen verantwortliche Vizepräsidentin und in der neuen Barroso-Kommission Hohe Vertreterin für Außenbeziehungen. Sie habe die Europaabgeordneten bei ihrer Anhörung „enttäuscht“. Zudem habe sie „nicht die Zeit gefunden“, wie US-Außenministerin Hillary Clinton ins von einem Erdbeben betroffene Haiti zu fliegen.

Der Ko-Vorsitzende der Grünen-Fraktion warf Barroso zudem schlechtes Krisenmanagement in der Affäre vor, die sich seit Schelewas Anhörung am 12. Januar bis zu ihrem Rücktritt hingezogen hatte. „Was ist zwischen gestern Abend [18. Januar] und heute Morgen passiert? Was hat [Barroso] umgestimmt?”, fragte Cohn-Bendit.

Er fügte hinzu, dass die Kritik gegenüber Schelewa bezüglich ihrer Interessenserklärungen und den Unstimmigkeiten zwischen ihren finanziellen Erklärungen in ihrem Heimatland und in Brüssel auf viele weitere Europaabgeordnete ebenfalls zutreffen könne. In diesem Zusammenhang wies er auf die mangelnde Klarheit der genauen Anforderungen hin.

Guy Verhofstadt, Fraktionschef der liberalen ALDE-Fraktion im Europäischen Parlament, sagte, die neue bulgarische Kandidatin scheine „gut geeignet, um die EU-Krisenbewältigung und humanitäre Hilfe zu leiten, die derzeit aufgrund der Naturkatastrophe in Haiti so sehr im Mittelpunkt steht“.

„Sollte sie vom Parlament bestätigt werden, bin ich zuversichtlich, dass Präsident Barroso über ein starkes und motiviertes Team von Kommissaren zur Festlegung und Entwicklung der EU-Politik in den nächsten fünf Jahren verfügen wird. Das Parlament sollte sich dann schnell bewegen, um die neue Kommission Anfang Februar im Amt zu bestätigen, damit sie ohne weiteren Verzug funktionsfähig wird“, sagte Verhofstadt weiter.

Elise Ford, Leiterin des EU-Büros von Oxfam International, forderte Bulgarien dazu auf, eine starke Kandidatin vorzuschlagen. Dies sei besonders wichtig angesichts der bedeutenden Rolle, welche die neue EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe in dem von einem Erdbeben getroffenen Haiti spielen werde.

„Mit der Unterstützung aller relevanten EU-Vertreter muss die bulgarische Ersatzperson für Rumiana Schelewa ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, dieses neue Dossier mit einem überwältigenden Berg von Herausforderungen – von Somalia bis Gaza und dem Sudan – zu bewältigen.”

Millionen von Menschen seien weltweit auf die humanitäre Hilfe der EU angewiesen. Die neue Kandidatin müsse daher über solide Erfahrung sowie über das notwendige Selbstvertrauen verfügen, um sich für die Bedürfnisse der Menschen einzusetzen, die von Konflikten und Naturkatastrophen betroffen seien.

Nächste Schritte: 
  • 21. Jan.: Reise von Kristalina Georgiewa nach Strasburg; Europäisches Parlament wird Konferenz der Präsidenten leiten. 
  • 3. Feb.: Anhörung Georgiewas vor dem Europäischen Parlament.
  • 9. Feb.: Parlament wird über neue Kommission abstimmen.
Hintergrund : 

Mit Ausnahme der Europäischen Volkspartei (EVP) haben sich Europaabgeordnete über parteipolitische Grenzen hinaus gegen die bulgarische designierte Kommissarin für humanitäre Hilfe und Krisenbewältigung, Rumiana Schelewa, ausgesprochen. Diese hatte die MdEPs bei ihrer parlamentarischen Anhörung am 12. Januar nicht überzeugen können.

Vor ihrer Ernennung zur designierten Kommissarin war Schelewa bulgarische Außenministerin. Sie wurde zudem vor kurzem zur Vizepräsidentin der EVP gewählt.

Schelewa wurde bereits vorher als problematischste der 26 designierten Kommissare angesehen, nicht zuletzt aufgrund von Spekulationen über einen möglichen Interessenskonflikt, die sie vor der Anhörung nicht befriedigend aus dem Weg räumen konnte (EurActiv vom 16. Dezember 2009 und vom 8. Januar 2010).

In einer jüngsten Entwicklung hatte ein führender bulgarischer Europaabgeordneter Schelewa beschuldigt, Geschäftsführerin einer Firma zu sein, die von den ehemaligen kommunistischen Geheimdiensten Bulgariens in Liechtenstein gegründet worden war (EurActiv vom 19. Januar 2010).

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