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Tories und Labour präsentieren unterschiedliche Standpunkte zu EU

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Veröffentlicht 14. April 2010, aktualisiert 06. Mai 2010

Eine konservative Regierung der Tories würde einen "konstruktiven Dialog" mit der EU führen, jedoch ein "Zwangsreferendum" für alle zukünftigen Machübertragungen von London nach Brüssel verhängen. Die Labour-Partei würde hingegen die Wahrung der "Schlüsselrolle" Großbritanniens in Europa anstreben. Dies geht aus den Wahlprogrammen der beiden Parteien vor, die diese Woche im Vorfeld der Parlamentswahlen am 6. Mai enthüllt wurden.

Bei der Vorstellung seines Wahlprogramms gestern (13. April) versprach der Anführer der Tories, David Cameron, dass über alle künftigen EU-Verträge, die Kompetenzen von Großbritannien nach Brüssel verlagern, ein Referendum stattfinden wird.

Die Konservativen gingen jedoch nicht so weit, dass sie die britische Ratifizierung des Lissabon-Vertrags in Frage stellten. Der Ratifizierungsprozess war im Juli 2008 abgeschlossen worden.

"Wir werden konstruktiv mit der EU zusammenarbeiten, aber wir werden keine weiteren Kompetenzen abtreten und wir werden niemals dem Euro beitreten", so das Wahlprogramm der Tories. Den britischen Interessen sei am besten mit der Mitgliedschaft in einer Union gedient, die "eine Gemeinschaft seiner Mitgliedstaaten" sei.

Die Tories nennen die von ihren politischen Rivalen der Labour-Partei durchgeführten Ratifizierung von Lissabon ohne Abhaltung eines Referendums einen "Verrat an der demokratischen Tradition dieses Landes". In ihrem Programm, das im ehemaligen Battersea-Kraftwerk in London vorgestellt wurde, versprechen sie sicherzustellen, dass "diese beschämende Episode niemals wieder geschehen kann".

Die Labour-Partei von Gordon Brown warnte indes, dass "mürrischer Widerstand und eine Loslösung nichts erreichen". Sie drückte ihren Stolz darüber aus, dass Großbritannien "wieder zu einem führenden Akteur in Europa geworden ist".

"Die Armut der Vision der Tories wird in ihrer falschen Wahl zwischen einem Bündnis mit den Vereinigten Staaten und einem mit Europa deutlich. In Europa sind sie nicht nur isoliert, sondern vollkommen marginalisiert, in einer winzigen Fraktion rechtsextremer Parteien, die extreme Ansichten vertreten und den Klimawandel leugnen", so das Labour-Programm, das am Montag von Premierminister Brown im Queen Elisabeth Krankenhaus in Birmingham vorgestellt wurde.

"Referendum-Sperre"

"Wir werden sicherstellen, dass es rechtlich unmöglich ist, dass eine zukünftige Regierung Kompetenzen an die EU abtreten oder dem Euro beitreten kann ohne in einem Referendum das britische Volk zu fragen", so das Programm der Konservativen. Es enthält das Versprechen, das britische Gesetz zu den Europäischen Gemeinschaften von 1972 abzuändern, damit künftige Verträge, die Kompetenzen nach Brüssel abtreten, einem Referendum unterstehen würden – eine sogenannte Referendum-Sperre.

Das Programm sagt, es werde Großbritannien niemals in die gemeinsame Währung der EU führen, und betont, dass ihre geplante Änderung des Gesetzes von 1972 jede künftige Regierung davon abhalten wird, dies ohne ein Referendum zu tun.

"Die ständige und unverantwortliche Einmischung der Europäischen Union in fast jeden Aspekt unseres Lebens ist zu weit gegangen", so das Dokument.

Die rivalisierende Labour-Partei sagt indes, sie werde "führend an einer Tagesordnung für eine nach außen gerichtete Europäische Union beteiligt sein, die Beschäftigung, Wohlstand und globale Bedeutung liefert".

"Wir glauben, dass Großbritannien in der Welt stärker ist, wenn die Europäische Union stark ist, und dass Großbritannien Erfolg hat, wenn es in Europa führt und eine Tagesordnung für den Wandel setzt", heißt es in ihrem Programm.

Lissaboner Klauseln zur Kompetenzausweitung

Die Konservativen warnten, dass der Lissabon-Vertrag Klauseln beinhalte, die eine Ausweitung von EU-Kompetenzen in Zukunft ohne einen neuen Vertrag ermöglichen würden. Als Beispiel nannten sie die Einrichtung einer Europäischen Staatsanwaltschaft.

Jegliche großen Abgaben von Kompetenzen unter derartigen Klauseln würden einem Referendum unterliegen, sagten die Tories. Sie versprachen, einem künftigen EU-Staatsanwalt niemals irgendeine Rechtsprechung in Großbritannien zu ermöglichen.

Die Tories versprachen zudem, Schlüsselkompetenzen im Rechtswesen, Strafrecht und Arbeitsrecht von Brüssel nach Großbritannien zurückzuführen.

Labour schloss hingegen eine solche Möglichkeit kategorisch aus. In ihrem Programm lehnten sie "jeglichen Versuch von Neuverhandlungen oder einer Aufweichung von sozialen Rechten für das britische Volk" ab.

"Wirtschaftliche Stärke und sozialer Schutz gehen Hand in Hand. Eine moderne EU muss Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum steigern und gleichzeitig Arbeitsplatzsicherheit und gerechte Rechte am Arbeitsplatz gewährleisten", heißt es in ihrem Programm.

Bezüglich einer EU-Erweiterung werden die Konservativen "darauf drängen, die Pforten der EU für diejenigen Länder, einschließlich der Türkei, offen zu halten, die beitreten möchten, abhängig von der strengen Anwendung der Beitrittskriterien".

Labour unterstützt ebenfalls den Beitrittswunsch der Türkei und forderte alle Staaten des westlichen Balkans dazu auf, bis 2014 Verhandlungen über die EU-Mitgliedschaft zu eröffnen.

Währenddessen hat Großbritanniens drittgrößte Partei, die Liberaldemokraten, ihr Programm heute Morgen vorgestellt. Sie verpflichteten sich dazu, ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens abzuhalten, wenn die britische Regierung das nächste Mal einer grundsätzlichen Änderung im Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU zustimmt.

Alle Macht dem Volk

Die inländischen Schlagzeilen konzentrierten sich auf das Versprechen der Konservativen, dem britischen Volk wieder mehr Macht zu geben. Danach dürften Eltern ihre eigenen Schulen verwalten, Anwohner vor Ort dürften ihre eigenen Polizeichefs wählen und Wähler dürften Abgeordnete wegen schlechter Leistung entlassen.

Ihr Programm mit dem Titel "Einladung zur Teilnahme an der Regierung Großbritanniens" beinhaltet ein Angebot, örtliche Referenden zu jedem Thema durchzuführen, wenn 5% der Anwohner vor Ort dies unterstützen.

Jeder werde sich an der Lösung der britischen Probleme beteiligen müssen, da die Regierung dies nicht alleine schaffen könne, sagte Cameron bei der gestrigen Vorstellung des Programms. Er forderte die Schaffung einer "großen Gesellschaft”.

Indes versprach die UK Independence Party in ihrem Programm, keine Kandidaten gegen "ausgewiesene Euroskeptiker" aus anderen Parteien, einschließlich sechs Tories, aufzustellen.

Stellungnahmen: 

"Wir werden positive Mitglieder der Europäischen Union sein, aber wir machen deutlich, dass es keine weitere Ausdehnung von EU-Kompetenzen zu Ungunsten Großbritanniens ohne die Zustimmung des britischen Volks geben sollte", heißt es im Programm der Konservativen Partei für die Wahl 2010. Man werde niemals zulassen, dass Großbritannien in ein föderales Europa hineinschlittert.

Der britische Premierminister Gordon Brown sagte, es gebe ein "vollkommenenes Loch" mitten im Wahlprogramm der Konservativen. Dies zeige, dass sich die Partei nicht verändert habe.

"Da ist nichts drin, was zur wirtschaftlichen Erholung beitragen wird. Tatsächlich würden ihre Maßnahmen die Erholung gefährden", wird er von der BBC zitiert. "Sie sagen, dass die Menschen auf sich alleine gestellt sind. Sie lassen die Menschen die Rezession alleine bewältigen."

Brown verprach, Großbritannien zu "erneuern", sollte er wiedergewählt werden. Eine vierte Labour-Regierung werde die Finanzmärkte und die öffentlichen Dienste "unerbittlich reformieren".

Bei der Vorstellung des Wahlprogramms der Liberaldemokraten heute Morgen versprach ihr Anführer Nick Clegg, Großbritannien "in die Mitte Europas" zu führen, um zu gewährleisten, dass das Land seinen Einfluss zur Schaffung von Wohlstand, Sicherheit und Chancen für seine Bürger nutzt.

"Großbritannien muss zusammen mit seinen ausländischen Partnern arbeiten, um die Herausforderungen, vor denen die Welt steht, am besten bewältigen zu können", heißt es im Wahlprogramm der Liberaldemokraten. Das Programm enthält außerdem das Versprechen, die Europäische Union zur Lieferung eines globalen Klimaabkommens zu nutzen.

"Die Liberaldemokraten glauben, dass die europäische Zusammenarbeit der beste Weg ist, damit Großbritannien in Zukunft stark, sicher und einflussreich ist. Wir werden sicherstellen, dass Großbritannien seinen Einfluss durch starkes und positives Engagement maximiert", so das Programm.

Nur weil Europa unabdingbar sei, bedeute dies aber nicht, dass die Europäische Union perfekt sei. Man werde sich weiterhin für eine verbesserte Rechenschaft, Effizienz und Effektivität einsetzen. Indem sie zusammenarbeiten, hätten die Mitgliedstaaten der EU eine bessere Chance, die Auswirkungen der Globalisierung zu meistern.

Eine Regierung der Liberaldemokraten würde ein Referendum über einen Euro-Beitritt abhalten, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen erfüllt wären.

Innenpolitisch versprach Clegg, "Gerechtigkeit in die britisch Gesellschaft zu integrieren", indem eine Politik aus "Hoffnung und Glaubwürdigkeit" vertreten werde. Dazu gehören eine Anhebung der staatlichen Rente und die Einführung von Steuererleichterungen für Gering- und Mittelverdiener.

Lord Pearson of Rannoch, Vorsitzender der United Kingdom Independence Party (UKIP), die sich für einen EU-Austritt Großbritanniens einsetzt, sagte der BBC, dass die Mitgliedschaft in der Union Großbritannien "Unsummen auf der Wirtschaftsseite" koste. Er zitierte Schätzungen von 120 Milliarden Pfund jährlich.

Ohne einen Rückzug aus der EU werde Großbritannien nicht in der Lage sein, die "bedauerliche und sehr besorgniserregende Wirtschaftslage" anzugehen, so Pearson.

Der deutsche Europaabgeordnete Martin Schulz, Fraktionschef der Sozialisten & Demokraten im Europäischen Parlament, forderte den britischen Anführer der Koservativen David Cameron dazu auf, über seine Verbindungen zu den rechtsextremen Parteien in anderen EU-Ländern Auskunft zu erteilen.

"Herr Cameron muss offen und ehrlich über seine Absichten sein. Nach den EU-Wahlen letztes Jahr verließ er die konservative Fraktion von Sarkozy und Merkel zugunsten eines neuen Bündnisses mit euroskeptischen und teilweise anti-europäischen Politikern, vor allem aus Osteuropa", sagte Schulz.

Nun würden seine alten Partner in der pro-europäischen konservativen Fraktion, der Europäischen Volkspartei, öffentlich behaupten, er sei dazu bereit, ihrer Fraktion wieder beizutreten, wenn er die Wahl gewinne. "Es scheint so, als ob Herr Cameron inzwischen seinen schwerwiegenden Fehler erkannt hat. Dies muss er jetzt öffentlich klären."

"Menschen in ganz Europa, nicht nur in Großbritannien, haben das Recht zu wissen, welche Haltung genau Herr Cameron heute zu EU-Fragen einnimmt", sagte Schulz weiter. Er sei dabei, Herrn Cameron zu schreiben und ihn darum zu bitten, diese Sache klarzustellen und offenzulegen, ob eine konservative Regierung die Hauptströmung europäischer Politik wieder beitreten werde oder ob sie weiterhin am Rand der Entscheidungsfindung in Brüssel und Straßburg stehen werde.

Nächste Schritte: 
  • 6. Mai: Britische Unterhauswahlen.

Hintergrund : 

Großbritannien wird am 6. Mai ein neues Unterhaus wählen, was das Ende von 13 Jahren Labour-Regierung bedeuten könnte.

Der amtierende Premierminister Gordon Brown, der 2007 Nachfolger von Tony Blair wurde, begann den Wahlkampf als Underdog. Da seine Beliebtheitswerte lange Zeit niedrig waren, haben Beobachter lange einen einfachen Sieg für die Konservative Partei von David Cameron vorhergesagt.

Jedoch hat Brown in den vergangenen Jahren eine Art Comeback hingelegt und den Abstand zu Cameron verringert. Die Aussicht auf ein sogenanntes hung parliament, wo keine der großen Parteien über eine absolute Mehrheit verfügt, könnte dazu führen, dass den Liberaldemokraten eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung über den nächsten britischen Premierminister zukommen wird (EurActiv vom 10. März 2010).

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