EurActiv Logo
EU-Nachrichten & Politikdebatten
- durch Sprachenvielfalt -
Bulgaria News
Turkey News
Germany News
Spain News
France News
United Kingdom News
Poland News
Czech Republic News
Slovakia News
Hungary News
Romania News
Serbia News
Greece News
Italy News
Bulgaria Turkey Germany Spain France United Kingdom Poland Czech Republic Slovakia Hungary Romania Serbia Greece Italy
EurActiv.com Réseau

ALLE SEKTIONEN BROWSEN

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Auf Grund des großen Erfolgs von EurActiv Deutschland findet die komplette deutschsprachige EU-Berichterstattung des EurActiv-Netzwerkes nun über Euractiv.de statt.

Die deutschsprachige Fassung von EurActiv.com wird nicht mehr aktualisiert, alle bisherigen übersetzten Texte bleiben aber im Archiv für Sie verfügbar.

Wir freuen uns, Sie künftig auf EurActiv.de begrüßen zu dürfen!

Unangenehme Wendung bei EU-Anhörungen [DE]

Veröffentlicht 14. Januar 2010 - Aktualisiert 29. Januar 2010
Druckoptimierte VersionEinem Freund senden

Durch die schwache Leistung von Rumiana Schelewa bei ihrer parlamentarischen Anhörung diese Woche ist die konservative Europäische Volkspartei (EVP) in einer schwierigen Lage. Nun bläst sie zum Gegenangriff und fordert den Rückzug eines Sozialdemokraten.

Die EVP-Fraktion forderte am Mittwoch (13. Januar) eine Erklärung für eine abfällige Bemerkung des designierten slowakischen Kommissars Maroš Šefčovič, die dieser im Jahr 2005 bezüglich der Minderheit der Roma in seinem Land gemacht hatte.

„Wir sind zutiefst über eine Bemerkung von Herrn Maroš Šefčovič vom 19. Januar 2005 besorgt, die er anlässlich einer von der Kommission organisierten Konferenz über Menschenrechte und EU-Migrationspolitik machte“, sagte der ungarische MdEP József Szájer, der bei der EVP für die Überwachung der parlamentarischen Anhörungen der Kommissare zuständig ist.

Während dieses Treffens habe Šefčovič die Ansicht ausgedrückt, dass die Roma in seinem Land das slowakische Wohlfahrtssystem ausnutzten, so Szájer gegenüber Journalisten in Brüssel.

„Ich bin der Ansicht, dass der zukünftige Vizepräsident der Europäischen Kommission, der für so heikle Themen wie Einstellungen, Chancengleichheit und die Gleichberechtigung der Geschlechter zuständig sein wird, in dieser Frage keine dermaßen diskriminierenden Ansichten haben darf“, sagte der EVP-Vertreter. Die kollektive Verurteilung einer gesamten ethnischen Gruppe sei vollkommen inakzeptabel.

Der slowakische Sozialdemokrat Maroš Šefčovič ist derzeit Kommissar für Bildung und wurde als Vizepräsident und Kommissar für interinstitutionelle Beziehungen und Verwaltung für die zweite Barroso-Kommission (2009-2014) nominiert.

Doch Szájer warnte, dass der Slowake es schwer haben werde, wenn er nächste Woche vor das Parlament tritt. „Wir werden bei der Anhörung am Montag sehr daran interessiert sein, was Herr Šefčovičs Meinung zu dieser Frage ist, was er beantworten kann. Wir interessieren uns ebenfalls für die Meinung des Kommissionspräsidenten und ob solche Leute Mitglieder seines Kabinetts sein können, vor allem in einem so hohen Posten wie dem des Vizepräsidenten“, sagte Szájer.

Auf die Frage von EurActiv, ob dieser Schritt als Reaktion auf die Sozialdemokraten zu verstehen sei, die einen Rückzug der bulgarischen designierten Kommissarin Rumiana Schelewa nach ihrer schwachen Leistung am Dienstag forderten, gab Szájer zu, dass in dieser Hinsicht ein „falscher Eindruck“ entstehen könne.

In der Tat scheinen Szájers Ausführungen vorigen EVP-Erklärungen zu widersprechen, in denen sich die Fraktion gegen persönliche Angriffe oder „Hetzjagden“ ausgesprochen hatte. Parlamentarischen Quellen zufolge hatte die EVP das Zitat Šefčovičs für den Fall, dass sich für die Konservativen Schwierigkeiten ergäben, „auf Vorrat gehalten“.

Schwache Beweise

Jedoch scheinen die Anschuldigungen gegen Šefčovič einer soliden Grundlage zu entbehren. So hat EurActiv herausgefunden, dass das Zitat nicht aus einem offiziellen OSZE-Dokument, sondern aus einer 11-seitigen Präsentation eines Roma-Aktivisten stammt, der vielen hochrangigen europäischen Politikern „Antiziganismus“ vorwirft. Diese Anschuldigungen richten sich ebenfalls gegen mehrere Persönlichkeiten der EVP, unter ihnen der rumänische Präsident Traian Basescu, der ehemalige slowakische Ministerpräsident Mikulas Dzurinda sowie eine hochkarätige Europaabgeordnete der deutschen Christdemokraten, Doris Pack.

Der ehemalige Botschafter der Europäischen Kommission in der Slowakei, Eric Van der Linden, und der ehemalige britische Ministerpräsident Tony Blair werden in der Präsentation ebenfalls des Antiziganismus bezichtigt.

Währenddessen verstärkte sich die Kontroverse um Schelewas schwache Vorstellung am Dienstag.

In einem internen Dokument, das von Dnevnik, EurActivs Partner in Bulgarien, eingesehen wurde, kommt der parlamentarische Ausschuss für Entwicklung, der die Anhörung Schelewas durchführte, bereits zu dem Schluss, dass die Bulgarin die Fragen der Europaabgeordneten nicht ausreichend beantwortet hat.

Die Einschätzung stellt ebenfalls fast, dass Schelewa keine konkreten Vorstellungen zu Krisenherden wie Afghanistan, dem Kongo, Sudan und Gaza präsentierte und „nicht zu wissen scheint, wo sich einige dieser Konfliktzonen befinden“.

Der EVP-Vertreter Szájer sagte, er kenne eine solche Einschätzung nicht. Seine Fraktion hoffe, dass die Einschätzung Schelewas nicht nur unbegründete Vorwürfe, sondern ihre Expertise und ihre Bereitschaft zur Einarbeitung in diesem Bereich beinhalten werde.

„Unter normalen Umständen hätte sie ihre Eignung zeigen sollen, aber sie wurde ungerecht behandelt“, sagte Szájer.

Stellungnahmen: 

Berichten der tschechischen Presse vom Mittwoch zufolge ist der designierte Kommissar Maroš Šefčovič, der in der zweiten Barroso-Kommission als Vizepräsident und Kommissar für interinstitutionelle Beziehungen und Verwaltung vorgesehen ist, bereits auf die Vorwürfe eingegangen.

Šefčovič sagte der tschechischen Presseagentur ČTK, die Konferenz habe vor fünf Jahren stattgefunden. Er könne sich daher nicht daran erinnern, was er damals gesagt habe. Sollte er Bemerkungen gemacht haben, durch die sich jemand beleidigt gefühlt habe, dann bedauere er dies zutiefst.

Šefčovič wird mit den Worten zitiert, er habe sich stets für eine Unterstützung der Roma-Gemeinden eingesetzt. Er habe persönlich zur Schaffung eines speziellen europäischen Systems von Subventionen beigetragen, mit dem 200 Millionen Euro für eine Unterstützung der Roma in der Slowakei bereitgestellt worden seien.

Die tschechische Presseagentur ČTK fügte hinzu, die EVP versuche ihren Quellen zufolge ein Gleichgewicht der politischen Kräfte zu erreichen, indem sie einen sozialdemokratischen Kandidaten ablehne. Demnach hätten die sozialdemokratischen Europaabgeordneten zwei der mit der EVP verbundenen nominierten Kommissare praktisch abgelehnt: die bulgarische Kandidatin Rumiana Schelewa und den Litauer Algirdas Šemeta.

Die Erklärungen der Europaabgeordneten Lívia Járóka (EVP, Ungarn), Vertreterin der Roma-Gemeinde und Mitglied im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, am 14. Januar vor der Brüsseler Presse waren deutlich weniger scharf als die Erklärungen ihres Landsmannes und Parteifreundes József Szájer.

„Gestern erklärte [Maroš Šefčovič], dass er seine Bemerkung zutiefst bedauert. Wir wollen an dieser Stelle sagen, dass wir nicht hier sind, um Herrn Šefčovič zu verurteilen. Wir sind hier um sicherzustellen, dass dies [die Behandlung von Roma, die Ablehnung diskriminierender Bemerkungen] in der EU eine sehr wichtiges Thema ist. […] Neben dieser Entschuldigung möchten wir in dieser Frage sehr viel weiter gehen; wir möchten betonen, wie wichtig es ist, dass der Vizepräsident der Europäischen Kommission, der sich ja auch der Chancengleichheit widmen soll, ein tiefgehendes Verständnis dieser Frage hat und ein starker Verfechter der Europäischen Roma-Strategie sein wird.“

Auf die Frage von EurActiv, ob sie seine Entschuldigung annehme, sagte Járóka, sie könne sie schlecht im Namen der zehn bis fünfzehn Millionen Roma annehmen, die ihren Worten zufolge fünf Jahre lang auf diese Entschuldigung gewartet haben. Freilich gab sie zu, dass „niemand“ in den Medien vor fünf Jahren über das Thema berichtet hatte.

Gefragt, ob sie sich für einen Rückzug Šefčovičs einsetzen werde, sagte sie: „Zu diesem Zeitpunkt nicht, nein. Die Anhörung wird am Montag stattfinden und da wird über seine professionellen Fähigkeiten geurteilt werden. Und ich hoffe, dass er sein wahres Verständnis über seine Bemerkung zeigen wird und aufzeigen wird, wie sich seine Ansichten seitdem verändert haben und wie er die Zukunft als Vizepräsident sieht.“

Wenn Sie auf diesen Artikel reagieren möchten, klicken Sie bitte hier.

Hintergrund : 

Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, hat innerhalb seiner neuen Mannschaft die Ressorts auf der Grundlage der von den Mitgliedstaaten vorgeschlagenen Kandidaten verteilt. Die neue Kommission wird aus 27 Mitgliedern – ein Mitglied pro Land – bestehen (EurActiv vom 27. November 2009).

Als nächster Schritt ist eine dreistündige Fragerunde mit jedem Kandidaten im jeweils zuständigen Parlamentsausschuss vorgesehen. Bei der Bewertung der Kandidaten berücksichtigen die Europaabgeordneten die allgemeinen Kompetenzen der designierten Kommissare, ihr europäisches Engagement sowie ihre persönliche Unabhängigkeit.

Das Parlament wird am 26. Januar über die gesamte Kommission abstimmen. Obwohl es einzelne Kommissare nicht ablehnen kann, kann es nichtsdestotrotz Druck für eine Umverteilung der Ressorts ausüben.

In einigen Fällen wurden Länder dazu gezwungen, ihre nominierten Kommissare zurückzuziehen, um eine Abstimmungsniederlage der gesamten Kommission zu vermeiden. So waren bei der letzten Abstimmung 2004 die designierten Kommissare Buttiglione und Kovacs von neuen Kandidaten ersetzt worden, um eine Krise abzuwenden.

More in this section

Advertising