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25. November 2009
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Biokraftstoffe als Ausweg aus der Ölabhängigkeit? [DE][en][fr

Erschienen: Dienstag 24. Oktober 2006    | Aktualisiert: Dienstag 5. Juni 2007   

Mittlerweile ist ersichtlich, dass aus Zucker und Pflanzen gewonnene Biokraftstoffe die Europäer nicht aus der Abhängigkeit vom Erdöl führen können. Die Frage ist, ob Biokraftstoffe der zweiten Generation die Lösung sein könnten?

Hintergrund:

Um die Treibhausgasemissionen im Einklang mit den Verpflichtungen des Kyotoprotokolls zu reduzieren, hat die EU im Jahr 2003 eine RichtliniePdf external zur Förderung der Verwendung von Biokraftstoffen im Verkehrssektor verabschiedet, durch die der Anteil der im Verkehrsbereich verwendeten Biokraftstoffe bis 2010 von 0,8 auf 5,75% erhöht werden soll.

Biokraftstoffe produzieren zum einen weniger Treibhausgase als Öl oder Gas, sie sind zum anderen in größeren Mengen vorhanden und in der Europäischen Union verfügbar. Außerdem könnten durch eine gesteigerte Produktion von Biokraftstoffen in der Europäischen Union im Rahmen der Reform der Europäischen Agrarpolitik für Landwirte neue Einkommensquellen und Arbeitsplätze entstehen, da momentan Feldfrüchte (Getreide, Zuckerrüben, Palmöl und Rapssamen) die Hauptquelle für Biokraftstoffe (so genannte Biokraftstoffe der ersten Generation) bilden. 

Eine zweite Gruppe, die Biokraftstoffe der zweiten Generation, werden aus der Lignozellulose-Verarbeitung oder anderen Quellen  wie Stroh, Nutzholz, Holzhackschnitzel oder Dünger gewonnen. Solche sehr faserigen Materialien können nur durch fortgeschrittene Technologien in flüssige Biokraftstoffe umgewandelt werden, wobei viele Technologien noch nicht ausreichend entwickelt sind.

Das im Jahr 2003 festgelegte Ziel von 5,75% ist nicht verbindlich und viele Staaten müssten in den nächsten dreieinhalb Jahren sehr große Anstrengungen unternehmen, um das Ziel überhaupt erreichen zu können. 

Dennoch ist die Produktion von Biokraftstoffen in der EU vor allem vor dem Hintergrund der langfristigen Energieversorgung, den steigenden Ölpreisen und einer Reihe steuerlicher und finanzieller Anreize stark gewachsen. Vor allem die Herstellung von Biodiesel, der etwa 80% des EU-Verbrauchs an Biokraftstoffen ausmacht, ist von 1,9 Mio. Tonnen im Jahr 2004 auf 3,2 Mio. Tonnen im Jahr 2005 um 65% jährlich gestiegen.

Weitere Nachrichten:

Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat sich die EU vor allem auf Biokraftstoffe der ersten Generation, wie Biodiesel oder Bioethanol, konzentriert. Diese Strategie wird aus mehreren Gründen angezweifelt:

  • Können Biokraftstoffe der ersten Generation tatsächlich zur Reduzierung der Treibhausgase beitragen? Im Prinzip entstehen durch Biokraftstoffe keine Kohlenstoffe, jedoch haben einige Studien gezeigt, dass Biokraftstoffe letztlich mehr Treibhausgase freisetzen als herkömmliche Kraftstoffe, wenn man die während der Herstellung durch die Landwirtschaft, den Transport und die Verarbeitung entstehenden Ausstöße einbezieht.
  • Können Biokraftstoffe der ersten Generation mit herkömmlichen fossilen Kraftstoffen konkurrieren? Der in der EU hergestellte Biodiesel ist nur bei Ölpreisen, die über 60 Euro pro Barrel liegen, konkurrenzfähig und damit die Nutzung von Bioethanol lukrativ ist, müssten die Ölpreise sogar 90 Euro pro Barrel betragen. 
  • Verursachen Biokraftstoffe der ersten Generation höhere Lebensmittelpreise? Die Herstellung von Biodiesel hat in großem Maße zu einem gesteigerten Verbrauch von Rapssamen in der EU beigetragen und so die Preise für Speiseöle stark angehoben. Der gesteigerte Verbrauch von Biokraftstoffen könnte auch zu einer gesteigerten Produktion und höherem Verbrauch von Ethanol, und somit zu erhöhten Zuckerpreisen, führen.
  • Sind die Biokraftstoffe der ersten Generation „sauberer“ als herkömmliche fossile Brennstoffe? Um das 5,75%-Ziel zu erreichen, muss Europa auf Ethanolimporte aus Brasilien, wo das Amazonasgebiet abgerodet wird, um mehr Platz für den Anbau von Zucker und Sojabohnen zu haben, und aus Indonesien, wo durch die Abholzung des Regenwalds Palmölplantagen entstehen, zurückgreifen. Einige Umweltgruppen bezeichnen die Biokraftstoffe der ersten Generation bereits als „Abholzungsdiesel“ (deforestation diesel), um zu verdeutlichen, dass die Biokraftstoffe der ersten Generation ihr eigentliches Ziel, die Umwelt zu schützen, nicht erreichen können.

Immer mehr Akteure fordern daher, dass die EU sich verstärkt auf die so genannten Biokraftstoffe der zweiten Generation konzentrieren solle.

Die Ergebnisse einer öffentlichen Anhörungexternal , die die Kommission von April bis Juli 2006 mit dem Ziel durchgeführt hat, um ihre Biokraftstoffstrategie noch vor Ende des Jahres zu überarbeiten, zeigen, dass die Mehrheit der Stakeholder die Biokraftstoffe der zweiten Generationen als vielversprechend einschätzt, weil:

  • sie weniger Treibhausgase als herkömmliche Biokraftstoffe freisetzen
  • sie zu konkurrenzfähigen Preisen hergestellt werden können, vor allem dann, wenn kostengünstige Biomasse genutzt wird
  • zur Herstellung auf eine größere Bandbreite von Rohmaterialen zurückgegriffen werden kann und sie so keine direkte Auswirkung auf die Herstellung von Lebensmittel haben, und
  • sie im Vergleich zu den Biokraftstoffen der ersten Generation eine bessere Qualität bieten. 

Der Weg zur Herstellung von Biokraftstoffen der zweiten Generation in der EU führt über Vergasung - die Umwandlung von Biomasse in flüssige Biokraftstoffe (Biomass to Liquid – BtL). Dazu werden hohe Temperaturen, kontrollierte Sauerstoffzufuhr und chemische Katalysatoren genutzt, um so Biomasse in flüssige Kraftstoffe, unter anderem in synthetischen Diesel und Bio-Dimethylether, umzuwandeln. 

Um diese Vergasungsmethode nutzen zu können, werden große Anlagen und hohe Kapitalinvestitionen benötigt, weswegen die Entwicklung in diesem Bereich weniger schnell voranschreitet als bei anderen Methoden der Herstellung von Kraftstoffen. Dennoch könnte durch die Umwandlung von Biomasse in flüssige Biokraftstoffe höhere Gewinne erzeugt werden, weil ein Drittel der festen Substanzen von Pflanzen genutzt werden kann und dadurch der Bedarf an Erdöl in größeren Mengen ersetzt werden könnte. 

Die finnische EU-Präsidentschaft hat im Oktober 2006 angekündigt, dass sie sich besonders für den Umstieg auf Biokraftstoffe der zweiten Generation einsetzen wolle, indem sie das finnische Technical Research Centre (VTT) bei dem Erwerb neuer Vergasungsinstrumente unterstützt. Mit der neuen Ausrüstung soll es möglich sein, Gase von der Biomasse für die Herstellung von Dieselbrennstoffen abzutrennen. Die Vergasungsanlage kann jedes kohlenstoffhaltige Rohmaterial nutzen, beispielsweise Rückstände der Forstindustrie, Baumrinde, Biomasse von Feldern und Torf.

Bei der Überarbeitung der Biokraftstoffrichtlinie wird die Kommission versuchen, die Mitgliedstaaten für die Entwicklung solcher Technologien der zweiten Generation zu mobilisieren. Zudem sollen neue, eventuell verbindliche, Ziele für die Nutzung von Biokraftstoffen definiert werden. Es ist zudem wahrscheinlich, dass die Kommission Mindestumweltstandards für die Herstellung von Biotreibstoffen einführen wird.

Positionen:

Der finnische Handels- und Industrieminister Mauri Pekkarinen sagte bei einer europäischen Konferenz über Forschung im Bereich der Bioraffinerie am 20. Oktober 2006, dass „Biokraftstoffe der ersten Generation, die größtenteils von Energiepflanzen hergestellt werden, einen ersten großen Schritt in Richtung mit Biokraftstoffen betriebenen Verkehr darstellen können.“ Nichtsdestotrotz würde ein vollständiger Wechsel zu Biokraftstoffen im Verkehr die Entwicklung von Biokraftstoffen der zweiten Generation und einen Wechsel der Hauptquelle für Rohmaterialien für Energie von Ackerland hin zu Wäldern und Torfmoor voraussetzen. 

Energiekommissar Andris Piebalgs wies darauf hin, dass „Biokraftstoffe der zweiten Generation die Rohstoffauswahl beträchtlich steigern können und ein viel größeres Marktpotential haben als die derzeit in der Biokraftstoff-Richtlinie für 2010 anvisierten 5,75%.“

Umweltkommissar Stavros Dimas fügte hinzu, dass „Biokraftstoffe der zweiten Generation anscheinend viel geringere Treibhausgasemissionen und Umweltschäden verursachen als die derzeit in der EU gängigen Biokraftstoffe der ersten Generation. [...] Sie bieten ebenfalls ein größeres Potential für Produktion und Kosteneinsparungen, da sie Bioabfälle nutzen, die weniger begehrt sind.“ Obwohl die meisten Regierungen die Auffassung vertreten, dass die Nutzung von Biokraftstoffen der ersten Generation eine notwendige Stufe ist, bis die Entwicklungsphase der Biokraftstoffe der zweiten Generation abgeschlossen ist, befürwortet die dänische Regierung, die Entwicklung und Verbreitung der kosteneffizienteren Kraftstoffe der zweiten Generation zu fördern. 

Die dänische Umweltministerin Connie Hedegaard ging sogar so weit, den „hype um die Biokraftstoffe“ zu kritisieren und fügte hinzu: „Die Menschen glauben, nur weil ‚Bio’ draufsteht ist der Inhalt grün“. 

Volkswagen-Chef Dr. Bernd Pischetsrieder forderte die Politik auf, ein Steuermodell zu schaffen, dass Biokraftstoffe der zweiten Generation fördert. Er kritisierte, die derzeitige Beurteilung der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen der ersten und zweiten Generation sei unzulänglich, sowohl in ökonomischer als ökologischer Hinsicht. Keine der Biokraftstoffe seien gleich und einige der Biokraftstoffe der ersten Generation könnten bestenfalls als „Wolf im Schafspelz“ bezeichnet werden. Einige hätten eine schlechtere CO2-Bilanz als herkömmliche Treibstoffe, trügen jedoch trotzdem die Kennzeichnung „Biokraftstoff“. Biokraftstoffe der ersten Generation erhielten Steuerbegünstigungen aus begrenzten Haushaltsmitteln und stellten daher eine schlechte Investition dar. Dies könne nicht als nachhaltig bezeichnet werden, weder im ökologischen noch im ökonomischen Sinne.

Umweltorganisationen weisen ebenfalls auf die Bedeutung der Biokraftstoffe der zweiten Generation hin. Der WWF betont, dass die Nachfrage nach landwirtschaftlichen und anderen Rohmaterialien für die Produktion von Biokraftstoffen der ersten Generation die Produktions- und Handelsmuster deutlich verändert habe und zu Veränderungen in der Umwelt und gestiegenen Lebensmittelpreisen geführt habe. Der WWF vertritt die Auffassung, dass Investitionen in Biokraftstoffe der zweiten Generation zu einer Reduzierung der Treibhausgase und möglichen Kosteneinsparungen sowie nachhaltiger Flächennutzung führen könnten. 

Jeremy Tomkinson, Geschäftsführer des UK National Non-Food Crop Centre (NNFCC) teilt die gleichen Befürchtungen bezüglich der Biokraftstoffe der ersten Generation. Wenn große Flächen des Regenwaldes gerodet würden, um Palmöl anzubauen, entstünden zwei Bedenken: erstens sei das Palmöl nicht sehr umweltfreundlich und zweitens würde die Artenvielfalt in diesem Gebiet stark beeinträchtigt. Seiner Meinung nach sind Biokraftstoffe der zweiten Generation die Antwort auf das Problem, jedoch gäbe es zwei Hürden, die genommen werden müssten, ehe Biokraftstoffe der zweiten Generation in den Handel kommen könnten – Technologie und Kosten. Für eine Anlage, in der Biomasse in flüssige Biokraftstoffe umgewandelt werden könne (Biomass to Liquid – BTL), würden Kosten um die 200 Millionen britische Pfund veranschlagt. Derzeit koste eine 250-000-Tonnen Biodiesel-Anlage ungefähr 50 Millionen britische Pfund – ein großer Preisunterschied für die gleiche Menge Treibstoff. Tomkinson ist dennoch der Auffassung, dass BTL die Lösung sein könnte, aufgrund der ökologischen Vorteile.

Die europäische Landwirtschaft, die gesteigerte Beschäftigungszahlen aufgrund des Anbaus von Energiepflanzen verzeichnet, und ihr Verband COPA-COGECA bemühen sich um stärkere Anreize für die Herstellung von Bioethanol-Kraftstoffe und um einen größeren Anteil von Biodiesel in Diesel. 

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