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Stellenangebot registrierenDiese Woche beginnt im Europäischen Parlament die zweite Lesung über eine der umstrittensten Gesetzesinitiativen der letzten Jahre. EurActiv beleuchtet die Entwicklung des Gesetzespakets zur Reform der EU-Chemikalienpolitik, dessen Ursprünge beinah zehn Jahre zurück liegen.
Es ist nur wenig bekannt über 99% der Chemikalien (ungefähr 100.000 Stoffe), die vor 1981 auf den Markt gebracht wurden (‚Altstoffe’). Die Ursache ist, dass bis 1981 keine strengen Gesundheits- und Sicherheitskontrollen für Chemikalien vorgeschrieben waren. Es gibt ungefähr 3.000 ‚neue Stoffe’, die schärferen Kontrollen vor der Zulassung unterzogen wurden.
Trotz der bereits in Kraft getretenen Verbote von einigen gefährlichen Chemikalien, wie zum Beispiel Asbest, ist die Kommission der Auffassung, dass eine Verbindung zwischen der Zunahme an Krankheiten wie Krebs und Leukämie und Chemikalien besteht. Blutproben von Menschen und Tieren weisen Spuren von bekannten Giftstoffen auf. Dies lässt Frage nach der Herkunft und der Gefahr solcher Stoffe aufkommen.
Das Gesetzespaket mit dem Namen REACH (Registration, Evaluation and Authorisation of CHemicals) wird einen einheitlichen rechtlichen Rahmen für „Altstoffe“ und „neue Stoffe“ über einen Zeitraum von elf Jahren schaffen.
Zukünftig wird es Aufgabe der Hersteller und Importeure von Chemikalien – und nicht wie derzeit der Behörden – sein, nachzuweisen, dass die Stoffe sicher sind (Umkehr der Beweislast). Eine Agentur soll die Zulassungsanträge prüfen. Die Sicherheitsbewertung und Registrierung der ‚Altstoffe’ wird in drei Stufen und basierend auf zwei Kriterien stattfinden:
- Menge der jährlich eingeführten oder produzierten Stoffe: >1000 Tonnen innerhalb von 3 Jahren; 100 – 1000 Tonnen innerhalb von 6 Jahren; 1 – 100 Tonnen innerhalb von 11 Jahren und
- Risiko: Kanzerogene (krebserregende), mutagene (erbgutverändernde) oder reprotoxische (fortpflanzungsgefährdende) Stoffe sollen innerhalb der ersten drei Jahre überprüft werden.
REACH umfasst ungefähr 30.000 der 100.000 ‚Altstoffe’, die vor 1981 auf den Markt gelangt sind. Die restlichen 70.000 Chemikalien, die in Mengen von weniger als einer Tonne pro Jahr hergestellt oder importiert werden, sind nicht von REACH betroffen.
Bei einem informellen Treffen der EU-Umweltminister im Jahre 1998 (in Chester, Großbritannien), beschlossen die Minister, dass alle auf dem Markt befindlichen Chemikalien überprüft werden sollten. Es folgten Gespräche mit Behörden, Wissenschaftlern, Umweltorganisationen und der Industrie und im Juni 1999 nahm der Rat die Schlussfolgerungen über eine zukünftige EU-Chemikalienstrategie an und forderte eine Überarbeitung der bestehenden Rechtsvorschriften.
Die Arbeit an einer neuen Rechtsetzung in diesem Bereich wurde durch das Weißbuch
der Kommission im Februar 2001 eingeleitet.
In dem Weißbuch äußert die Kommission ihre Besorgnis bezüglich der „schweren Gesundheitsschäden“, die von Chemikalien verursacht werden. Die Kommission weist gleichzeitig darauf hin, dass die chemische Industrie der drittgrößte verarbeitende Industriezweig in Europa ist. Sie beschäftigt unmittelbar 1,7 Millionen Menschen und erzielt einen Außenhandelsüberschuss von 41 Mrd. Euro für die EU. Die Kommission verfolgte mit dem Weißbuch das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der EU im Weltmarkt durch Entwicklung sicherer Chemikalien zu fördern.
Im Juni 2001 einigten sich die EU-Minister auf ein so genanntes Vorsorgeprinzip, das sowohl auf Gesundheitsaspekte als auch auf die Wettbewerbsfähigkeit Rücksicht nimmt.
Die Beratungsphase, die dem Kommissionsvorschlag voranging, wird häufig als die heftigste Lobbyschlacht der EU-Geschichte bezeichnet. Von Mai bis Oktober 2003 hat die Kommission über 6000 Beiträge von Industrieverbänden, NGOs, Regierungen, sowie von Handelspartnern der EU erhalten. Im Oktober 2003 konnte schließlich der Entwurf der Kommission veröffentlicht werden (EurActiv vom 28. Oktober 2003).
Die meiste Aufmerksamkeit – und das meiste Lobbying – erhielten dabei die geschätzten Kosten und Vorteile des geplanten Chemikalienrechts. Die ursprünglichen Schätzungen der Kommission wurden von der Industrie angezweifelt, die davor warnte, dass einige Millionen Arbeitsplätze auf dem Spiel stünden (EurActiv vom 16. August 2003). Währenddessen haben Gesundheits- und Umweltorganisationen sowie Gewerkschaften auf die großen Einsparungen bei den Gesundheitskosten hingewiesen und das Vorgehen der Industrie als „Panikmache“ bezeichnet.
Nach ersten Schätzungen der Kommission werden sich die Gesamtkosten für die Chemieindustrie und die nachgeschalteten Anwender in einem Zeitraum von 11 Jahren auf 2,3 Mrd. Euro (oder 0, 05% des jährlichen Umsatzes der Chemiebranche) belaufen. Der Streit um die Kosten hielt bis zur Veröffentlichung einer abschließenden Studie im April 2005 an, die lediglich die Schätzungen der Kommission bestätigte, dass eine Reform des Chemikalienrechts die Chemieindustrie nicht ruinieren würde. (EurActiv 27. April 2005).
Der Streit um die Auswirkungen der Reform verdeutlicht einen grundlegenden Trend, der die gesamte Debatte um REACH durchzieht – die Streitpunkte sind in auffallender Weise immer identisch geblieben. Als die Kommission ihren Vorschlag im Oktober 2003 veröffentlichte, hatte sie damit bereits einige entscheidende Veränderungen vorgestellt, um so den während der Beratungsphase deutlich gewordenen Bedenken Beachtung zu schenken (EurActiv 25. September 2003). Die wichtigsten Belange sind:
Zwei Jahre später, als der Entwurf dem Europäischen Parlament in erster Lesung vorlag, hatten sich die Streitpunkte kaum verändert und die Diskussion konzentrierte sich auf die Praktikabilität des europäischen Chemikalienrechts (EurActiv 17. November 2005). Als der Rat im Dezember 2005 über den Vorschlag abstimmte, wurden einige Schlüsselelemente von REACH beschlossen (EurActiv 13. Dezember 2006):
Die meisten dieser Aspekte werden auch noch in der zweiten Lesung im Parlament eine Rolle spielen. Der EP-Berichterstatter Guido Sacconi setzt sich insbesondere für ein starkes Substitutionsprinzip ein. Jedoch ist nach Ansicht der meisten Beobachter nach so vielen Jahren der Auseinandersetzung der Handlungsspielraum beschränkt.
Die Positionen von Parlament und Rat lägen nicht sehr weit auseinander, sagte Sacconi, der daran glaubt, dass noch vor der Plenarsitzung im November ein Kompromiss gefunden werden könnte.