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Ereignisse in Japan und Libyen versetzen Merkel Schlag bei den Wahlen

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Veröffentlicht 28. März 2011, aktualisiert 29. März 2011

Die Christdemokraten von Angela Merkel haben gestern (27. März) im reichen Bundesland Baden-Württemberg die Macht verloren, wo durch die von einem Erdbeben getroffene Anlage in Japan Antiatomgefühle wach wurden. Die Ergebnisse der Wahl werden sie wahrscheinlich nicht ihren Posten kosten, doch werden sie sicherlich ihre Fähigkeit einschränken, Gesetzgebung annehmen zu lassen.

Merkel hat den Grünen in Baden-Württemberg den Sieg überlassen. Ihre scheinbar falsche Handhabung der Atomfrage hat zu der Demütigung geführt, dass die Grünen wahrscheinlich ihren ersten Landespräsidenten in einer CDU-Hochburg einsetzen werden. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass es die Bundeskanzlerin ihren Posten kosten wird.

Dies liegt nicht an mangelnder Kritik der Art, wie Merkel und ihr Hauptverbündeter, Außenminister Guido Westerwelle von der Freien Demokratischen Partei (FDP), ihre Aufgaben erfüllt oder den Wahlkampf gehandhabt haben.

Es sei eine Katastrophe für die CDU und es werde in der Partei wichtige Diskussionen geben, sagte Thorsten Faas, ein Professor für Politikwissenschaften an der Universität Mannheim in Baden-Württemberg. Es sei in seinen Worten auch möglich, dass Westerwelle die FDP-Führung verlassen müsse.

Einige Tage vor der Wahl, als es glasklar wurde, dass die CDU die Kontrolle eines Bundeslandes, das sie seit 1953 leitete – und der starken Wirtschaft und den niedrigen Kriminalitäts- und Arbeitslosigkeitsraten zufolge relativ gut leitete –, verlieren würde, hat die Kritik an Merkels Atom- und Außenpolitik die Schlagzeilen der deutschen Zeitungen erobert.

Prominente Konservative haben sich an ihrer Entscheidung, sich bei der UN-Abstimmung über einen Militäreinsatz in Libyen der Stimme zu enthalten, gestört, und vor dem gewarnt, was ihr ehemaliger Mentor, Helmut Kohl, einen voreiligen, Alleinausstieg Deutschlands aus der Kernkraft genannt hatte.

Der ehemalige CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe wurde auf der Titelseite der konservativen „Welt am Sonntag“ mit der Aussage zitiert, dass die Enthaltung über Libyen ein „Fehler historischer Dimension“ sei. Der Abgeordnete Michael Fuchs (CDU), stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, sagte, dass die deutsche Öffentlichkeit vor den Kopf gestoßen worden sei.

Ihre Manöver in den letzten zwei Wochen hätten die Wähler einfach nicht überzeugen können, sagte Fuchs.

Schlechtes Krisenmanagement

Pech hat sicherlich zum Ausmaß der historischen Niederlage der Mitte-Rechts-Regierung beigetragen.

Die Ereignisse in Japan, der Krieg in Libyen, die Euro-Debatte und viele andere Sachen hätten störend eingegriffen, sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle von der FDP, die sich in Baden-Württemberg gerade so festhielt aber aus dem Landtag in Rheinland-Pfalz ausgeschlossen wurde, bei einer weiteren am Sonntag abgehaltenen Wahl.

Der größte Verlierer, der CDU-Ministerpräsident Baden-Württembergs, Stefan Mappus, sagte, dass eine Mischung von internen und externen Ereignissen zu seiner Niederlage geführt habe – vor allem das „Stuttgart 21“-Bahnprojekt in der Landeshauptstadt, welches von den Grünen angeführte Proteste mobilisiert hatte.

Mappus lieferte einer Momentaufnahme einer sinkenden konservativen Bundesregierung Deutschlands, die vor kurzem ihren größten Star verloren hatte – Karl-Theodor zu Guttenberg, der als Verteidigungsminister auf Grund einer Plagiat-Affäre zurücktrat – und zunehmend den Öffentlichkeitsbezug verloren zu haben scheint.

Man wisse, was die Schlüsselwörter seien: Stuttgart 21, Energiekonsens, der Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs, die schrecklichen Ereignisse in Japan und vieles mehr, sagte Mappus.

Allerdings, wie unvorhersehbar die Umstände auch sind, wurde Merkels Geltung in Sachen Krisenmanagement dabei runiert– obwohl sie selbst während einer stürmischen Parlamentsdebatte über „Stuttgart 21“ im September die Wahl in ein Referendum über ihre Regierung verwandelt hatte.

Was die Atomkraft betrifft – zuerst hat sie die Lebensdauer der deutschen Atomkraftwerke am Ende letzten Jahres verlängert, dann die sieben ältesten Modelle nach dem Erdbeben in Japan eingestellt –, wird Merkel sowohl einer zu heftigen Reaktion als auch eines ungeschickten und gescheiterten Wahlkampfmanövers beschuldigt.

Allerdings ist ihre Parteiführung auf Grund mangelnder echter Alternativen – nach dem Abtritt der wichtigsten Ministerpräsidenten der CDU im letzten Jahr und Guttenbergs vor kurzem – nicht unmittelbar gefährdet.

Sie werde sich keine Sorgen über einen Putsch machen müssen. Sie werde sich über keine Rivalen sorgen müssen, so Gero Neugebauer, ein Professor für Politikwissenschaften der Freien Universität Berlin gegenüber Reuters. Sie könne langfristig darüber nachdenken, wie sie an der Macht bleiben könne.

Er sehe für Merkel keine Konsequenzen, da es in der Partei niemanden gebe, der derzeit den Putsch gegen sie leiten könnte, stimmte ihm Gerd Langguth von der Universität Bonn zu.

Merkel kann auch darauf zählen, dass einige der Wähler zwischen Lokal- und Bundespolitik unterscheiden können, wie im Fall von Manuel Blochwitz, einem 23-jährigen Telekommunikationsarbeiter, der am Sonntag wegen „Stuttgart 21“ für die Grünen wählte aber Merkel unterstützt.

Er wolle vor 2013 keinen Regierungswechsel und sei mit Merkel zufrieden, sagte er. Es gebe niemanden, der sie ersetzen könne. Er sei jedoch für einen neuen Start in Stuttgart, wo seit der Gründung des Landes nur die CDU regiert habe.

(EurActiv mit Reuters. Von EurActiv aus dem Englischen übersetzt.)

Stellungnahmen: 

Die folgenden Stellungnahmen sind lediglich auf Englisch verfügbar:

Reuters has published an overview of reactions in Germany's main newspapers following the Baden-Württemberg elections:

Bild:

"This election debacle in Baden-Württemberg is no normal defeat for the CDU but rather a devastating bombshell. The Christian Democrats lose a bastion that was considered unbreakable since the early 1950s. The result is dangerous for the CDU at the federal level because strength in the southwest of Germany has always been a precondition for national election victories.

The conservatives have always been weaker in the north and west than in the south and southwest. Unless they can rebound there, they will be fighting a battle to stay in power. Will this disaster threaten the chancellor and CDU leader Angela Merkel?"

Financial Times Deutschland:

"Whether Angela Merkel's abrupt nuclear policy reversal cost her decisive votes or spared a worse result cannot be proven - and because of that it will only spur on the battle within the conservatives over the right energy policy. And it is not only energy policy that has split the CDU and CSU, but also the euro, the Libya mission, tax policy and reform of the Bundeswehr, to name just a few.

For the CDU, this means that Merkel must engage quickly in the internal debate over policy that she has tried to suppress until now. At the same time, she has to look for new ways to win elections without the FDP, and she must find them soon, before the next federal election."

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

"The conservative-liberal government has had to fight from the very start of its time in office. But its strength now appears have left it and there is an air of desperation to its actions. The desire for change is prevailing.

"In times of uncertainty, resolve is in demand. When that is lacking, people look elsewhere. If Merkel's government falls victim to this sentiment then it's not because of a nuclear disaster in distant Japan, but rather because it has wasted all its strength in a permanent uphill battle."

Handelsblatt:

"Merkel looks exhausted. Nobody believes she can come up with the strength again to pull herself out of the deep hole she's fallen into in the past months. She has been mired in a conflict with her own party over European policy that was not allowed to escalate because the state elections were looming.

Last year Merkel was still 'Madame Non' but now many lawmakers in her party see her as too flexible, as clay in the hands of the hyperactive French President Nicolas Sarkozy. Her critics aren't interested any more what the chancellor achieved over the past weeks in stabilising the euro.

On the domestic front, she hasn't been able to get her footing since the stumbling start of her conservative-liberal coalition. What plan, what project for Germany is still linked to the name Merkel?"

Süddeutsche Zeitung:

"Chancellor Angela Merkel referred to the nuclear catastrophe in Fukushima as a turning point and said nothing would be the same as before. She was right - at least with regard to her coalition government. This night of elections has made that clear to the CDU leader.

The dominance of the Christian Democrats in Baden-Württemberg is at an end. This is partly because of Fukushima. But it is also because of the horribly poor record of Merkel's conservative-liberal government.

Unlike in the most recent elections in Hamburg and Saxony-Anhalt, where gains and losses were mostly determined by regional issues, the people of Baden-Württemberg seized their opportunity. They used their votes to censure the impotence, self-importance and dilettantism that Merkel and her FDP vice chancellor Guido Westerwelle have shown since 2009. This government just can't get the job done. Since Sunday this is the majority view."

Welt:

"Berlin shakes as Stuttgart falls. Without a major move, it is hard to see how Merkel's government can emerge from the crisis that will follow this election defeat."

Merkel: Leidet unter "grüner Revolution"
Hintergrund : 

Nach dem Atomunfall in Fukushima hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die dreimonatige Aussetzung eines Gesetzes angekündigt, welches auf die Betriebsverlängerung alter Atomkraftwerke (AKW) abzielte. Deutschland hat 17 Atomkraftwerke. Darunter werden sieben, die vor 1980 gebaut wurden, abgeschaltet werden.

Diese Entscheidung stellt im Vergleich zu einer vorherigen Entscheidung Merkels im August 2010 eine Kehrtwende dar. Damals sagte sie, dass die 17 AKW Deutschlands, die planmäßig 2021 hätten eingestellt werden müssen, weitere 10 bis 15 Jahre im Betrieb bleiben könnten.

Was Libyen betrifft, war Deutschland das einzige EU-Mitglied unter den 15 Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates, das sich bei einer Abstimmung am 17. März der Stimme enthielt, welche die Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen sowie die Ergreifung „aller notwendiger Maßnahmen“ zum Schutz der Zivilsten vor den Truppen Muammar Gaddafis genehmigte. Die anderen Länder, die sich enthielten, waren Russland, China, Indien und Brasilien.

Minister Karl-Theodor zu Guttenberg, der bis vor kurzem Deutschlands Verteidigungsminister und Merkels Thronanwärter war, ist vor kurzem auf Grund eines Plagiatskandals zurückgetreten.

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