Die Vorsitzenden der Fraktionen im Europäischen Parlament werden am 13.Oktober zusammenkommen, um die Ergebnisse der Anhörungen zu diskutieren. Aus Parlamentskreisen verlautet es, dass Josep Borrell, der Präsident des Europäischen Parlaments, im Anschluss an dieses Treffen einen Brief an Barroso schreiben wird, in dem er die Themen anspricht, zu denen noch Klärungsbedarf besteht, bevor das Parlament dazu bereit ist, die Kommission zu bestätigen.
Der Auftritt des ehemaligen italienischen Ministers Rocco Buttiglione (EVP-ED, Italien), der für das Portfolio Freiheit, Justiz und Sicherheit nominiert worden ist, hat, aufgrund seinen konservativen Einstellungen zu Homosexualität, Frauen und Einwanderern (siehe EurActiv, 12 Oktober 2004 ), die größten Kontroversen ausgelöst. Der EP-Ausschuss für bürgerliche Freiheiten hat seine Nominierung für das Amt des Kommissars für Justiz und Inneres mit 27 zu 26 Stimmen abgelehnt. Grüne, Liberale und Sozialdemokraten im EP haben Barroso dazu aufgefordert, Buttiglione ein anderes Portfolio zu geben.
Der wenig überzeugende Auftritt des designierten Energiekommissars László Kovács (Sozialdemokraten, Ungarn) hat den Industrieausschuss dazu veranlasst, zu erklären, er sei für den Job nicht geeignet, da er nicht über das nötige Fachwissen verfüge. In einem Brief an den Parlamentspräsidenten Josep Borrel schreibt der Vorsitzende des Industrieausschusses Bryan Chichester, dass "die meisten Mitglieder des Ausschusses weder von seinen Kompetenzen im Energiebereich, noch von seiner Fähigkeit, das hohe Amt, für das er vorgeschlagen worden ist, wahrnehmen zu können, überzeugt sind".
Es bleibt nun abzuwarten, wie Barroso mit dieser Krise umgehen wird. Eine Umbildung des Kollegiums noch vor seinem Treffen mit den Vorsitzenden der politischen Fraktionen am 21.Oktober scheint unwahrscheinlich. Auf die Frage, was er von der Ablehnung von Buttiglione und Kovács halte, hatte er erwidert: "Ich habe volles Vertrauen in die beiden Kommissionsmitglieder. Sie sind sehr kompetente Personen mit langjährigen politischen und intellektuellen Erfahrungen".
Das Parlament befindet sich nun in Aufruhr. Während die PSE-Fraktion Kovacs unterstützt, hält die EVP-ED-Fraktion an Buttiglione fest. Was als nächstes geschehen wird, ist bislang völlig unklar, da es solch eine Situation noch nie gegeben hat. Barroso könnte die Portfolios neu verteilen, kleine Änderungen vornehmen oder Italien und Ungarn darum bitten, neue Kandidaten zu benennen. Eine Umbildung des Kommissionskollegiums würde bedeuten, dass weitere Anhörungen stattfinden werden. An drei weiteren designierten Kommissaren wurde während der Anhörungen Kritik geübt: an der niederländischen Kandidatin für GD Wettbewerb, Neelie Kroes, der dänischen Kandidatin für Landwirtschaft, Mariann Fischer-Boel, und an der lettischen Kandidatin für Steuern, Ingrida Udre. Die drei Frauen erhielten letztendlich jedoch das grüne Licht der jeweiligen Ausschüsse.



