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Barroso von Lissabon-Mehrheit gewählt

Veröffentlicht 16. September 2009 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Das Europäische Parlament hat heute (16. September) José Manuel Barroso Legitimität als Präsident der Europäischen Kommission in der zweiten Amtszeit gegeben, nicht nur unter den Bedingungen des aktuellen Vertrages von Nizza, auch unter den verschärften Kriterien des Vertrages von Lissabon, der noch in Irland, der tschechischen Republik und Polen ratifiziert werden muss.

Das Europäische Parlament hat heute (16. September) José Manuel Barroso als Präsident der Europäischen Kommission in seiner zweiten Amtszeit bestätigt. Diese Bestätigung erfolgt nicht nur unter den Bedingungen des aktuellen Vertrages von Nizza, sondern auch unter den verschärften Kriterien des Vertrags von Lissabon, der noch in Irland, der tschechischen Republik und Polen ratifiziert werden muss.

In einer geheimen Abstimmung, die während der Plenarsitzung in Straßburg stattfand, stimmten 382 Abgeordnete für Barroso. Dieses Ergebnis waren 13 Stimmen mehr, als für die Mehrheit im Rahmen des Lissabon-Vertrags vorgeschrieben ist. 219 Abgeordnete stimmten gegen Barroso und 117 enthielten sich ihrer Stimme. Insgesamt nahmen 718 von 736 Abgeordneten an der Abstimmung teil.

Nur wenige Minuten nach der Abstimmung bedankte sich Barroso in Portugiesisch, seiner Muttersprache, bei dem sozialistischen Ministerpräsidenten José Socrates. Socrates’ Unterstützung habe ihm erst seine Kandidatur ermöglicht. Er dankte auch dem Europäischen Parlament für das ihm entgegengebrachte „enorme Vertrauen“. Er habe den Wunsch, für alle politischen Fraktionen zu arbeiten, denn seine Partei sei „Europa“.

Er nahm sich jedoch auch Zeit, seiner eigenen „politischen Familie“ danken, der Europäischen Volkspartei (EVP). Die Partei habe ihn seit dem EVP-Kongress in Warschau, bei dem seine Kandidatur letzten April bestätigte wurde, beständig unterstützt (Euractiv vom 30. April 2009). 

Der Präsident des EU-Parlaments, Jerzy Buzek, gratulierte Barroso und erklärte, dass nach dem derzeitigen Verfahren der Rat und die Kommission gemeinsam die Mitglieder der nächsten Kommission vorschlagen würden.

Die Sozialistische und Demokratische Fraktion (S&D) blieb nach der Abstimmung still, nur einige portugiesische Abgeordnete applaudierten. Die meisten sozialistischen Abgeordneten hatten sich auf Ratschlag der deutschen SPD ihrer Stimme enthalten.

Gegenüber der Presse betonte der S&D Fraktionsvorsitzende Martin Schulz, dass Barroso „nicht der richtige Kandidat“ gewesen sei. Deswegen habe ihn seine Fraktion nicht unterstützen können. Er gab jedoch zu, dass Barroso es geschafft habe, die Unterstützung aller Fraktionen zu erhalten, selbst die seiner eigenen Partei.

„Bedenkt man die Unterstützung von sieben sozialistischen Ministerpräsidenten [für Barroso], ist es nicht verwunderlich, dass einige Mitglieder meiner Fraktion für Barroso gestimmt haben“, sagte Schulz.

Dennoch wehrte sich Schulz gegen die Meinung, dass Barroso die Lissabon-Mehrheit dank den sozialistischen Abgeordneten erreicht habe. Stattdessen sagte er, Barroso habe eine knappe Lissabon-Mehrheit durch die Stimmen der Europäischen Konservativen und Reformisten (ECR), die gegen den Lissabonner Vertrag sind, erreicht.  Die ECR setzt sich zusammen aus britischen Konservativen, polnischen Abgeordneten der von den Politikerbrüdern Kaczynski gegründeten Partei „Recht und Gerechtigkeit“ und der Bürgerlichen Demokratischen Partei des euroskeptischen tschechischen Präsidenten Václav Klaus.

„Das ist die einzige Gruppe, die einstimmig für ihn stimmte. Und ich denke, dass ein Kommissionspräsident, der auf anti-europäische Stimmen angewiesen ist, ein schwacher Präsident gewesen wäre“, sagte Schulz.

„Die Schlange wird zum Elefanten“

Schulz äußerte starke Kritik an dem, was er als Barrosos Lobrede auf die Europäische Volkspartei bezeichnete und sagte, seine schlimmsten Befürchtungen wären wahr geworden.

„Vor der Abstimmung bewegte er sich wie eine Schlange und nun wie ein Elefant“, sagte Schulz und fügte hinzu, dass seiner Meinung nach Barroso eher ein politischer Opportunist sei als ein Vertreter der Mitte-Rechts Parteien.

„Ich hätte von einem Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten erwartet, dass er den Leuten von Klaus, von Kaczynski und von [dem britischen Tory-Führer David] Cameron, also den drei Fraktionen, die den Lissabon-Vertrag blockieren, sagt: wählt nicht für mich, ich will eure Stimmen nicht“.

„Ich wette, damit hätte er eine große Mehrheit erzielt. Aber so ein Mann ist Barroso nicht. Er nimmt alle Stimmen die er kriegen kann, er hat keine Überzeugungen, und das hat er heute gezeigt“.

Der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), Joseph Daul, wehrte sich gegen diese Aussage. „Wenn wir eine Lissabon-Mehrheit erzielt haben, liegt das nicht nur an den konservativen Stimmen. Es gab auch sozialistische Stimmen“, sagte Daul. Er fügte hinzu, dass die Sozialisten, die gegen Barroso gewesen waren, intelligenter weise nicht gegen ihn gestimmt, sondern sich enthalten hätten.

Auf die Frage von EurActiv hin, wie er die Aussage von Schulz, dass Barroso ohne die Konservativen auch kein besseres Resultat erzielt hätte, beurteile, sagte Daul, dieses Argument sei hinfällig. Er fügte hinzu, er habe gute persönliche Beziehungen mit den meisten britischen Konservativen.

Und auf die Nachfrage hin, ob er sich bewusst sei, dass die Konservativen die Ratifizierung des Lissabonner Abkommen verhindern wollten – sowohl Polen als auch die tschechische Republik zögern die letzte Unterschrift hinaus (siehe EurActiv vom 16. September 2009)  - gab Daul zu, das Verhalten des tschechischen Präsidenten mache ihm schon Sorgen.

„Ich hoffe, dass beide Regierungschefs nach dem 2. Oktober [dem Datum des zweiten irischen Referendums] unterzeichnen werden. Allerdings bin ich eher wegen Klaus besorgt und weniger wegen des polnischen Präsidenten“, sagte er. 

 

Stellungnahmen: 

Der Präsident des EU-Parlaments, Jerzy Buzek, gratulierte Barroso zu seiner Wiederwahl als Präsident der EU-Kommission: „Wir befinden uns nicht mehr in einem politischen Vakuum. Nun kann Präsident Barroso anfangen, sein detailliertes Programm umzusetzen und seine Kommission zusammenzustellen. Das europäische Parlament hat gezeigt, dass es Zähne hat. Der Präsident hat mir zum ersten Mal seine schriftlichen „politischen Leitlinien“ überreicht. Ich begrüße dies und hoffe, es wird sich wiederholen. Dies ist ein Neuanfang in den Beziehungen zwischen Parlament und Kommission.“

„Unser Parlament wird in jeder Anhörung der neuen Kommissare seine Rolle spielen, um so eine möglichst starke Kommission zusammenzustellen. Wir haben ebenfalls beschlossen, dass es in jeder Plenarsitzung eine „Fragestunde“ geben wird, in der Mr. Barroso die Fragen der MdEPs beantwortet“.

Der frühere ALDE Leiter Graham Watson sagte zu EurActiv, die Hälfte der britischen Konservativen sei pro-europäisch. Er könne jedoch nicht für die anderen Mitglieder der Europäischen Konservativen und Reformisten sprechen. Was die Sozialisten betrifft, betonte Watson, dass sie sich nach den EU-Wahlen in einer schwierigen Situation befänden.

„Die Sozialisten befinden sich in einer wenig beneidenswerten Position. Sie sind von ihrer Juni-Niederlage immer noch angeschlagen. Bis sie sich wieder erholt haben, wird es schwierig werden, auf lange Sicht eine vernünftige Mehrheit zu erreichen und unsere Pläne umzusetzen. Aber die Sozialisten werden sich erholen und die Situation wird besser werden. Ich glaube, es gibt schon die ersten Anzeichen hierfür, da ja anscheinend viele Sozialisten für Barroso gestimmt haben“, sagte Watson.

Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Europas (PES), Poul Rasmussen, sagte: „Wie erwartet hat die konservative Mehrheit des europäischen Parlaments, die Euroskeptiker mit eingeschlossen, Barroso wiedergewählt. Nun wird sich die PES darauf konzentrieren, den größtmöglichen Einfluss auf die kommenden Verhandlungen auszuüben“.

„Um den Zusammenhalt Europas zu gewährleisten, verlangen wir für uns den Posten des Hohen Beauftragten oder, falls das Lissabonner Abkommen in Kraft treten sollte, das Amt des europäischen Ratspräsidenten. Wir haben mehrere hervorragende Kandidaten für diesen Posten. Wir wollen auch, dass die PES in den höheren Ebenen der EU-Kommission repräsentiert wird“.

Rasmussen fügte hinzu: „Die PES wird sich auf die Themen konzentrieren, die für unsere Bürger wirklich wichtig sind. Zum Beispiel, wie wir verhindern können, dass es im Jahr 2011 rund 30 Millionen europäische Arbeitslose geben wird. Wir wollen für Europa und seine Bürge einen besseren Weg in die Zukunft bahnen“.

Der Vorsitzende von ALDE, MdEP Guy Verhofstadt aus Belgien sagte, die Mehrheit hinter Barroso „sei genug, um ihm ein starkes Mandat für die Führung der EU in den schwierigen kommenden Monaten zu erteilen“.

„Wir erwarten nun, dass der neugewählte Präsident seine Versprechen uns gegenüber erfüllt. Er soll als starker, mutiger und energischer Anführer nah an der öffentlichen Meinung bleiben, dem Druck der Mitgliedstaaten nicht nachgeben und aktiv das gemeinsame europäische Vorgehen stärken, das im Moment so wichtig ist“.

„Wir betonen besonders die Notwendigkeit, eine ganzheitliche Strategie für die wirtschaftliche Erholung zu entwickeln, so dass Europa nicht in eine langfristige Rezession schlittert. Außerdem wollen wir einen europäischen Plan, um das Bankenwesen neu zu strukturieren und eine ambitionierte und einheitliche Position bezüglich des Klimawandels im Vorfeld des Weltklimagipfels in Kopenhagen im Dezember“, fügte der Vorsitzende der Liberalen hinzu.

„ALDE erinnert auch an Barrosos Bekenntnis zur Einsetzung eines Kommissars für Grundrechte, zur Revision der Strukturen für eine Finanzaufsicht in den nächsten drei Jahren und das energisches Bestreben, ein nachhaltiges System von EU-eigenen finanziellen Ressourcen im EU-Haushalt für die Zeit nach 2013 anzulegen“, sagte Verhofstadt.

Der britische liberal-demokratische MdEP Andrew Duff, Präsident der Union Europäischer Föderalisten (UEF), kommentierte: „Mr. Barroso hat die Unterstützung der absoluten Mehrheit der MdEPs erreicht, das war gute Arbeit. Sein Mandat ist nun erneuert und er muss es mit Autorität und Geschick einsetzen“.

„Als erstes sollte Mr. Barroso sich in Irland engagieren. Das irische Referendum am 2. Oktober wird entscheiden, ob sich Europa als Einheit vorwärts bewegen kann, um globale Herausforderungen zu meistern, oder nicht. Es ist die entscheidende und die letzte Chance der EU, sich als wirkliche parlamentarische Demokratie zu positionieren. Gelingt es nicht, die Ratifizierung durchzusetzen und das Lissabonner Abkommen zu einem frühen Zeitpunkt in Kraft treten zu lassen, wird Europa in eine Sackgasse geraten“, sagte Duff.

„Zweitens muss die Kommission die Initiative ergreifen und die EU darauf vorbereiten, bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen die Hauptrolle zu übernehmen. Die Mitgliedsländer können nur als Einheit agieren, wenn die Kommission ihnen einen entscheidenden Stoß versetzt, mit Unterstützung des Parlaments. Die wichtigste Angelegenheit ist die Höhe der Finanzmittel, die die EU für die Entwicklungsländer bereitstellen kann, um diesen zu helfen, sich dem Klimawandel und seinen Folgen anzupassen. Europa hat die Verpflichtung, sowohl moralisch als auch wirtschaftlich einen Teil der finanziellen Lasten tragen und den Rest der industrialisierten Länder dazu zu bringen, der EU in dieser Hinsicht zu folgen“, sagte er.

„Drittens muss das Finanzsystem der EU einer gründlichen Prüfung unterzogen werden. Der EU-Haushalt sollte sich den politischen Anforderungen, die an ihn gemacht werden, anpassen können. Ausgaben sollten von der nationalen auf die EU-Ebene übertragen werden, da hier die Kosteneffizienz und der Mehrwert garantiert werden, oder falls ein Marktversagen ein Einschreiten der EU erforderlich machen sollte. Das neue System muss elastisch, durchsichtig und rechenschaftspflichtig sein. Wir müssen die endlosen Auseinandersetzungen zwischen Nettozahlern und Empfängern hinter uns lassen und ein eigenes Ressourcensystem entwickeln, das auf das gemeinschaftliche Interesse der EU zugeschnitten ist“ fügte Duff hinzu.

“Viertens muss Mr. Barroso sein Versprechen, den Binnenmarkt bis 2012 auszuweiten, in die Realität umsetzen. Für dieses Unterfangen brauchen wir nicht nur einen neuen Aktionsplan, was Finanzdienstleistungen und geistiges Eigentum betrifft, sondern müssen auch den schon bestehenden Binnenmarkt gegen nationale protektionistische Maßnahmen, die Ausnutzung der EU-Wettbewerbsbedingungen und Politiken der staatlichen  Beihilfe schützen“, schloss Duff.

Hintergrund : 

José Manuel Barroso hat die Unterstützung der EU Staats- und Regierungschefs für eine zweite fünfjährige Amtszeit als Chef der Europäischen Kommission bekommen.(EurActiv vom 19. Juni 2009).

Ihre politische Unterstützung wurde am 9. Juli 2009 durch ein schriftliches Verfahren bekannt gegeben. Schweden, das derzeit die rotierende EU-Präsidentschaft innehält, hatte darauf bestanden Barroso sobald wie möglich neu zu bestätigen und argumentierte, dass die EU in einer Zeit der Krise einen Kommissionspräsidenten brauche, der voll im Amt ist (siehe EurActiv LinksDossier   zur schwedischen EU-Präsidentschaft).

Dennoch nahm die Wiederwahl Barrosos im Europäischen Parlament einen anderen Weg. Nachdem von der schwedischen EU-Präsidentschaft vermittelte Konsultationen stattgefunden hatten, kam auf, dass das Europäische Parlament nicht in seiner Plenarsitzung im Juli eine Wahl über Barrosos Widereinsetzung abhalten würde (EurActiv vom 2. Juli 2009).

MdEPs von den Sozialdemokratischen und den Liberalen Fraktionen, die von den Grünen unterstützt wurde, sagten, dass jegliche wichtige Ernennung auf die Zeit nach dem im September stattfindenden Bundestagswahl verschoben werden sollte sowie auf eine Zeit nach dem zweiten Referendum über den Lissabonvertrag, das am 2. Oktober stattfinden wird.

Infolge dessen, gerade vor den Sommerferien, entschieden die Vorsitzenden der politischen Gruppen im Europäischen Parlament ihre Entscheidung bis 10. September zu vertagen, wann eine Wahl über den Topposten abgehalten werden soll (EurActiv vom 17. Juli 2009) .Am 3. September veröffentlichte Barroso sein Programm für die nächsten fünf Jahre, ein 41-seitiges Dokument das sowohl in Länge als auch Inhaöt einen Kontrast zu seinem kurzen Brief darstellte der ihm half die Unterstützung der Staats- und Regierungschefs im Juni zu gewinnen. In der nächsten Woche präsentierte Barroso sein Programm den politischen Fraktionen. 

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