EurActiv Logo
EU-Nachrichten & Politikdebatten
- durch Sprachenvielfalt -
Bulgaria News
Turkey News
Germany News
Spain News
France News
United Kingdom News
Poland News
Czech Republic News
Slovakia News
Hungary News
Romania News
Serbia News
Greece News
Italy News
Bulgaria Turkey Germany Spain France United Kingdom Poland Czech Republic Slovakia Hungary Romania Serbia Greece Italy
EurActiv.com Réseau

ALLE SEKTIONEN BROWSEN

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Auf Grund des großen Erfolgs von EurActiv Deutschland findet die komplette deutschsprachige EU-Berichterstattung des EurActiv-Netzwerkes nun über Euractiv.de statt.

Die deutschsprachige Fassung von EurActiv.com wird nicht mehr aktualisiert, alle bisherigen übersetzten Texte bleiben aber im Archiv für Sie verfügbar.

Wir freuen uns, Sie künftig auf EurActiv.de begrüßen zu dürfen!

Chirac und Blair wollen Vertrauen der Bürger zurückgewinnen [DE]

Veröffentlicht 27. Oktober 2005 - Aktualisiert 29. Januar 2010
Druckoptimierte VersionEinem Freund senden

Soziales Europa, Innovation und Globalisierung sind die Themen, die auf dem EU-Gipfel angesprochen werden sollen, um die EU-Bürger für das europäische Projekt wiederzugewinnen. Zumindest hierin sind sich der britische Premier Tony Blair und der französische Präsident Jacques Chirac einig.

Der britische Premier und der französische Präsident haben viele der gleichen Themen angesprochen. Doch während sie sich auch darin einig sind, dass die Verhandlungen über den zukünftigen EU-Finanzrahmen („Finanzielle Vorausschau“), die sich derzeit in einer Sackgasse befinden, erneut aufgenommen werden sollten, gehen Beobachter davon aus, dass die Budgetverhandlungen während der Ratsitzungen zweitrangig sein werden. Die folgende Tabelle ist ein Vergleich der Einstellungen beider Staatsoberhäupter zu einigen der zentralen Themen:

 

Zum Thema...

Blair

Chirac

Europäisches Sozialmodell

„[Wir] müssen viel mehr Forschritte in Bereichen wie […] Demographie und dem Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit erzielen. Diesbezüglich ist es nicht angemessen, dass die Europäische Union zusätzliche umfangreiche Regulierungsversuche usw. unternimmt, vielmehr könnte die Methode der Offenen Koordinierung auf diesem Gebiet ordentlich funktionieren – etwa hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Arbeit und Freizeit, von Kinderbetreuung, Leistungen für Menschen, die sie in die Lage versetzen sollen, sich um die Kindererziehung zu kümmern und gleichzeitig zu arbeiten, Etablierung der ‚besten Praxis’ in Renten- und Sozialversicherungssystemen europaweit“.

„[Europa] orientiert sich an der sozialen Marktwirtschaft. Es ist dem Bündnis von Freiheit und Solidarität, dem Gemeinwesen als Garant für das Wohl der Gemeinschaft verpflichtet. Die Würde des Menschen steht im Mittelpunkt des europäischen Gesellschaftsprojekts. Auf dieses Ideal zu verzichten würde bedeuten, das europäische Erbe zu verraten. Folglich wird Frankreich nie akzeptieren, dass Europa auf eine einfache Freihandelszone reduziert wird. Also müssen wir wieder auf ein politisches und soziales Europa hinarbeiten,das auf den Grundsatz der Solidarität baut“.

Forschung und Entwicklung

„Wir müssen sicherstellen, dass ein größerer Teil des europäischen Haushalts für Arbeitsschwerpunkte ausgegeben wird, die Zukunftsbereiche der europäischen Wirtschaft sind, und auch besser koordinieren, wie wir die Arbeit in diesen Bereichen ausführen. [...] Wir schlagen insbesondere vor, als Pendant zur amerikanischen National Science Foundation einen Europäischen Forschungsrat einzurichten, der die Finanzierung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten unterstützen und uns in Europa die Chance geben würde, auf den Technologiegebieten der Zukunft Unternehmen der Weltspitze zu gründen“.

„Wir schlagen vor, der Kommission den ausdrücklichen Auftrag zu erteilen, dem Europäischen Rat im nächsten Jahr Bericht zu erstatten über die Herausforderungen, denen die europäischen Universitäten gegenüberstehen, und dazu, wie wir im Wettbewerb mit den USA dastehen, wie wir mehr öffentlich-private Partnerschaften zur Finanzierung der Universitäten bekommen und mehr Postgraduiertenstudiengänge, die die Wirtschaft und die akademische Welt EU-weit vernetzen“.

„In Innovation und Forschung, den Bereichen, die für den Wettbewerb und für künftige Arbeitsplätze unverzichtbar sind, muss Europa stärker werden. Deutschland und Frankreich haben große Programme in Zukunftsbereichen wie Biotechnologie, Informationstechnologie, Nanotechnologie angestoßen. Ich schlage vor, sie auf ganz Europa auszuweiten. Dazu müssen wir die entsprechenden Mittel freisetzen […]Frankreich schlägt vor, die Europäische Investitionsbank einzubeziehen, um die gemeinschaftlichen Forschungskapazitäten zu verdoppeln. Schaffen wir mit ihr ein Instrument, das mit 10 Milliarden Euro ausgestattet ist und dank der Hebelwirkung von öffentlichen und privaten Kofinanzierungen bis 2013 Investitionen von zusätzlich 30 Milliarden Euro in solche Forschungs- und Investitionsprojekte ermöglicht“.

Energie und Umwelt

„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir in Europa eine gemeinsame europäische Energiepolitik entwickeln. […] Diese Politik sollte nicht etwa auf neue Regulierungsbarrieren setzen, sondern auf einen wirklich offenen Energiemarkt. […] Zweitens sollten wir, wie auch andere große Länder der Welt, bereit sein, einen Dialog auf europäischer Ebene mit den wichtigsten Energieversorgern einzugehen [und] unser kollektives Gewicht zu nutzen, damit unsere Stimme gehört wird […]“.

„Jetzt beginnt die Phase des teuren Erdöls und darauf folgt die Nach-Erdöl-Zeit. Es ist auch die Zeit des Kampfes gegen die Erderwärmung. Über die Umsetzung des Kyoto-Protokolls hinaus muss die Europäische Union sich zusammenfinden und auf die notwendige Umkehrung der Lebens- und Produktionsgewohnheiten hinwirken. Wir müssen unsere Energieversorgung diversifizieren, sicher machen und modernisieren. Veränderungen im Verkehr, in der industriellen Produktion, im Wohnumfeld und im Städtebau sind unerlässlich. […] Frankreich wird seinen Partnern hierzu Anfang des Jahres ein Memorandum vorlegen“.

Herausforderungen und Bedrohungen durch die Globalisierung

“ [Der] Globalisierungsfonds […] sollte […] die Menschen in Umständen, in denen Umstrukturierungen sie arbeitslos gemacht haben oder ihnen Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt bereitet haben, beschützen und ihnen helfen. Um ein Beispiel aus Großbritannien zu nennen, wo vor kurzem tausende Arbeitskräfte der Rover-Werke ihre Arbeit verloren haben: Wir haben die Umstrukturierung nicht gestoppt, weil sie leider wirtschaftlich notwendig, obgleich tragisch für die betroffenen Personen, war. Aber wir halfen mit Umschulungen, Fortbildungen und der Suche nach neuer Arbeit […], um nicht den Arbeitsplatz, sondern den einzelnen Menschen zu schützen“.

„Europa muss in der WTO seine Interessen vertreten. Mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik hat die EU, die bereits der größte Importeur von Agrarerzeugnissen aus Entwicklungsländern ist, ihren Erfolgswillen bewiesen. Es ist nun an der Zeit, dass seine Partner im Sinne der Ausgewogenheit und der Gegenseitigkeit entsprechende Vorschläge unterbreiten – in der Landwirtschaft wie in der Industrie und im Dienstleistungsbereich“.

Zuwanderung

 „Wir müssen sicherstellen, dass wir angemessene Maßnahmen gegen die illegale Einwanderung haben, aber gleichzeitig anerkennen, dass eine gesteuerte Zuwanderung unseren europäischen Wirtschaften tatsächlich nutzen kann. Eines der Papiere,  das wir heute veröffentlichen [….] weist darauf hin, wie ironisch es ist, dass gerade die Länder, die ihre Arbeitsmärkte für [die Bürger] der Beitrittsländer geöffnet haben […] wirtschaftlich von der Öffnung profitiert haben. Diese Lehren, denke ich, sollten wir nun weiterführen“.

„[…] diejenigen, die weggehen, würden bleiben, wenn sie im eigenen Land akzeptable Lebensbedingungen vorfinden würden. […] Wir müssen den Projekten im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit die Mittel zur Verfügung stellen, die ihren Erfolg sicherstellen und zum Beispiel innovative Finanzierungen auf europäischer Ebene dafür verwenden. […] Die zweite Begegnung ist der Europäische Rat im Dezember. Um das Vertrauen in eine funktionstüchtige Europäische Union wiederherzustellen, müssen wir zu einer Einigung über den europäischen Haushalt 2007/2013 gelangen“.

Reform der EU-Institutionen

“Vor einigen Monaten waren wir an einem Punkt angelangt, an dem aufgrund des negativen Ausgangs der Referenden das Gefühl entstand, Europa sei gelähmt. Wenn wir Europa wieder in Bewegung setzen wollen, und in die richtige Richtung, müssen wir uns darauf einigen, welche diese Richtung ist und welche konkreten Maßnahmen uns dahin bringen […] Wenn wir in der Lage sind, das zu tun, werden wir zumindest einen Anfang gemacht haben, Europa wieder zu vereinen, es auf den rechten Weg und vorwärts zu bringen“.

Über den zum Stillstand gekommenen Ratifizierungsprozess des EU-Verfasungsvertrags: „Parallel dazu können wir über ein besseres Funktionieren der Institutionen im Rahmen der bestehenden Verträge nachdenken, unter anderem in den Bereichen Ordnungspolitik, innere Sicherheit sowie Außen- und Verteidigungspolitik der Europäischen Union“.

 

Stellungnahmen: 

Die Reaktionen auf Tony Blairs Rede und die Agenda der britischen Ratspräsidentschaft für den informellen Gipfel in Hampton Court waren geteilt: 

In einem Artikel aus dem Guardian unterstützte der spanische Premierminister José Luis Zapatero seinen britischen Kollegen: „Nach den politischen Spannungen vom letzten Frühling, durchlebt die EU nun schwierige Zeiten. Es ist jetzt wieder an der Zeit zu handeln. Auch in schwierigen Zeiten ihrer Entstehung war die EU immer imstande sich weiter zu entwickeln. Das Treffen in Hampton Court ist eine gute Gelegenheit für einen Neustart“. 

Auch Poul Nyrup Rasmussen, Präsident der Partei europäischer Sozialisten (PES) unterstützte Blair in einer gemeinsamen Erklärung der beiden Politiker: „Zu viele Bürger im heutigen Europa haben Angst und Sorgen angesichts der Globalisierungsprozesse in der ganzen Welt. Wir Sozialdemokratien wissen dass Globalisierung, wenn Veränderungen gut organisiert verlaufen, das Potenzial innehat, Milliarden von Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Herausforderung an Führungspersonen europäischer Sozialisten und Sozialdemokraten besteht darin, neue politische Ansätze zu entwickeln, damit Europa und seine Bürger von der Globalisierung profitieren können“. 

Graham Brady, Schattenminister für EU-Angelegenheiten der britischen Konservativen, sagte Blairs Aussage, er wolle, dass der Rat in Hampton Court die Mitteilung der Kommission über „Europäische Werte in der globalisierten Welt“ billige, habe ihn „zutiefst alarmiert“: Der Absatz zur Steuerpolitik stehe laut Brady im Widerspruch zu der ursprünglichen Position der Briten in Bezug auf die Koordinierungsrolle der EU im Bereich Steuerpolitik. Blair habe einen Fehltritt begangen, indem er einem „nächsten Schritt“ in den Zukunftsplänen der Kommission zur EU-weiten Harmonisierung der Steuersätze zugestimmt habe. „Nach dem französischen und niederländischem „Nein“ zur EU-Verfassung hatte er die einmalige Chance, Europa einen absolut anderen Kurs einschlagen zu lassen, aber er hat sie vertan“. 

MdEP Monika Frassoni (die Grünen, Italien) lobte Tony Blairs „Präsentationsfertigkeiten“, warnte jedoch: „Ihr Talent kann nicht als Ersatz für die Tatsache, dass der Gipfel in Hampton Court zu einem freundschaftlichen Geplauder über dies und jenes degradiert worden ist, dienen“.

Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies  in Brüssel, nannte den Gipfel „eine Zeitverschwendung. [...] 95% von Europas Problemen sind auf nationaler Ebene angesiedelt. Die EU-Chefs mögen sich ja darauf einigen, dass Veränderungen nötig sind, doch dann kehren sie zu ihren nationalen Parlamenten zurück und diese leisten Widerstand“, so Daniel Gros. 

Jean-Dominique Giuliani, Leiter der Robert-Schuman-Stiftung  in Paris, ist der Meinung, Tony Blair habe diesen Sommer der britischen Ratspräsidentschaft mit seiner Rede zur Notwendigkeit von Reformen vor dem Parlament zu einem guten Start verholfen. Jedoch fügte er hinzu: „Der britischen Regierung fällt es schwer, im Herzen der europäischen Wirtschaft zu sein, weil Großbritannien der Euro-Zone ja nicht angehört. Es ist sehr schwer Kollegen (von außerhalb der Euro-Zone) zu überzeugen, Vertrauen zu schaffen und [eine] persönliche Beziehungen aufzubauen“. 

Charles Grant, Direktor des Centre for European Reform  , sagte: „Die Kritik ist verständlich und teilweise gerechtfertigt. Direkt nach (Blairs Rede vor dem Parlament am 23. Juni 2005) gab es diese schrecklichen Terroranschläge in London, die die Regierung natürlich ablenkten. Aber wenn man eine Debatte über Europas Zukunft einleitet, dann muss man da auch am Ball bleiben. … Wenn es zu einer Einigung über den Finanzplan kommt – nach Eröffnung der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei – dann wird der britische EU-Vorsitz als erfolgreich bewertet. Wenn man sich nicht einigt, als erfolglos“. 

In einem Artikel für den Guardian legt Timothy Garton Ash seine eigene Agenda für die künftige EU fest: „Europa sollte wie ein riesiges Experimentierlabor sein, in dem Mitgliedstaaten einander dauernd über die Schulter gucken und versuchen die besten Ideen zu übernehmen. Genau auf diesem Wege wurde Europa zum ökonomischen Motor der Welt, und nur so können wir unsere dynamische Kraft wieder finden. In der Umgangssprache der modernen Geschäftwelt nennt man das „benchmarking“. Wir sind uns über die Ziele einig: höheres Wachstum und Produktivität, mehr Innovation, weniger Arbeitslosigkeit, weniger Armut. Wir müssen ja nicht alle auf gleichem Wege dorthin kommen“. 

Hintergrund : 

Der französische Präsident, der noch im September aufgrund einer Erkrankung das Bett hüten musste, ist mit einem Donnerschlag auf die politische Bühne zurückgekehrt, und zwar mit einem Gastbeitrag [deutsche Fassung], der am 26. Oktober 2005 unter anderem in Le Figaro und der Financial Times erschienen ist und mit dem es Chirac nun gelungen ist, die Tagesordnung des von der britischen Ratspräsidentschaft anberaumten EU-Gipfels in Hampton Court maßgeblich mitzubestimmen. 

Die Antwort Blairs indes ließ nicht lange auf sich warten. Am gleichen Tag hielt er im Europäischen Parlament eine programmatische Rede [deutsche Fassung in Auszügen], in der er viele der gleichen Themen ansprach wie bereits Chirac. Blair fand warme Worte für den Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso, dessen Mitteilung zum Thema „Europäische Werte in der globalisierten Welt“ er voll und ganz begrüße: „Es ist, muss ich sagen, eine kühne Analyse, aber es ist die richtige Analyse“. Weiter hieß es, Blair wolle erreichen, "dass der informelle Gipfel dem Kommissionspapier [...] effektiv zustimmt" und es zur Grundlage der Diskussionen über Europa, dem europäischen Sozialmodell und seiner wirtschaftlichen Zukunft machen werde.

More in this section

Advertising