Delors, der als einer der „Gründerväter“ der EU betrachtet wird, hat den französischen Präsidenten und die deutsche Bundeskanzlerin mit ihren Vorgängern verglichen.
Jacques Chirac und Gerhard Schröder seien sich nur einig gewesen, um „Nein“ oder „Non“ zu sagen, sagte Delors, zum Beispiel über die Erhöhung des EU-Haushaltes. Als es sich doch um ehrgeizigere Pläne gehandelt habe, hätten sie es nicht geschafft, konkrete Initiativen zu ergreifen, sagte er.
Die Beziehung zwischen Chirac und Schröder sei ein oberflächliches Bündnis gewesen, genau so oberflächlich seines Erachtens wie das zwischen Frau Merkel und Monsieur Sarkozy.
Dem ehemaligen Kommissionschef zufolge hatten frühere deutsch-französische Tandems – wie François Mitterrand und Helmut Kohl aber auch Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt sowie Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Nachkriegszeit – eine Antriebskraft für die EU bedeutet.
„Alle haben in der Geschichte Europas ihre Spuren hinterlassen, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt über ihre vorgefassten Meinungen über den anderen zu Gunsten einer europäischen Vision hinweggekommen sind. Deshalb war diese Zeit bedeutsam.“
„Aber seitdem Mitterrand und Kohl weg sind, hat jeder seine alte Rolle wieder aufgenommen“, bedauerte Delors.
Der langjährige Kommissionspräsident (1985-1994) sagte, dass die deutsch-französische Beziehung wieder aufgebaut werden müsse, „nicht weil Frankreich und Deutschland Europa beherrschen müssen“, sondern weil diese Beziehung einer der „Lebensbäume“ Europas sei.
Trotz seines Alters (er wurde 1925 geboren) deutete Delors, der mit seinem Think-Tank „Notre Europe“ weiterhin tätig ist, darauf hin, dass er bereit sei, seine Unterstützung anzubieten, um beim Wiederaufbau der Beziehungen zwischen Paris und Berlin zu helfen.
Er sei ein großer Befürworter einer Erneuerung des Dialogs zwischen den Deutschen und den Franzosen auf allen Ebenen. Es sei wesentlich und müsse noch getan werden. Er denke, dass die jüngeren Generationen sich darum kümmern müssten. Und was ihn betreffe, sei er bereit, selbst Hand anzulegen, sagte Delors.
Auf die Frage, was sich verändern werde, sollten die Sozialdemokraten in Frankreich und Deutschland wieder an die Macht kommen, antworte Delors – dessen Tochter, Martine Aubry, die französische sozialistische Partei leitet – diplomatisch, dass sie „etwas unterschiedliche Visionen über die wirtschaftliche und finanzielle Verwaltung Europas und darüber, was man auf globaler Ebene machen könne“, hätten.
Dies sei wichtig. Allerdings sei das Wesentliche vor allem, dass die Franzosen und Deutschen einander verstünden, ihre unterschiedlichen Charaktere akzeptierten und es schafften, sich gegenseitig zum Besseren zu vervollständigen, fügte Delors hinzu.
Er betonte auch, dass die Globalisierung „Furcht und beinahe Terror“ unter den Bürgern verbreite, was Populismus und Extremismus in der ganzen EU schüre.
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