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EU-'Krisengipfel': Reaktionen des Parlaments [DE]

Veröffentlicht 23. Juni 2008 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die große Mehrheit der Parlamentarier unterstützte nachdrücklich den Entschluss des EU-Gipfels von vergangener Woche, trotz des irischen 'Neins' mit der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon fortzufahren – in der Hoffnung, dass der Prozess rechtzeitig vor der Europawahl im Juni 2009 abgeschlossen werden kann. Einige kritisieren jedoch die Staats- und Regierungschefs der EU dafür, dass ihnen nicht klar sei, wie sie Europa voranbringen können.

Der Ratifizierungsprozess des Vertrags muss fortgesetzt werden – das ist die wichtigste Botschaft des ergebnisarmen EU-Gipfels von vergangener Woche in Brüssel, dem letzten unter slowenischer EU-Ratpräsidentschaft, bevor Frankreich am 1. Juli diese Aufgabe übernimmt (EurActiv vom 20. Juni 2008).

Die Europaabgeordneten haben ein besonderes Interesse an einer zeitgerechten Ratifizierung des Reformvertrags, da er die Zuständigkeiten des Parlaments stärken und die Sitze entsprechend der letzten Erweiterungsrunde der EU des Jahres 2007 neu verteilen würde.

Stellungnahmen: 

Der Präsident des Europäischen Parlaments Hans-Gert Pöttering begrüßte das „deutliche Signal“ des Europäischen Rats, dass der Ratifizierungsprozess fortgeführt werden muss. Er hofft, dass während des nächsten Gipfels im Oktober konkrete Vorschläge vorgebracht und ein Zeitplan für das weitere Vorgehen festgelegt wird, sodass der Vertrag wie geplant vor der Europawahl im Juni 2009 in Kraft treten kann.

Diese Ansicht teilen auch die beiden größten Fraktionen im Europaparlament, die EVP und die Sozialdemokraten. Der französische Vorsitzende der Mitte-Rechts-Fraktion EVP-ED, Joseph Daul, sagte EurActiv, er sei froh, dass sich die Staats- und Regierungschefs der EU einig seien, den Ratifizierungsprozess fortzusetzen. Er sagte weiter, seine Partei respektiere das ‚Nein’ der Iren, betonte jedoch, dass ein einzelnes Land nicht für die gesamte EU sprechen könne.

Hannes Swoboda, der österreichische Vizepräsident der SPE-Fraktion, sagte im Gespräch mit EurActiv, die „Rettung“ des Lissabon-Vertrag sei der „erste Testfall“ für die französische EU-Ratspräsidentschaft, mit den Iren an konkreten Vorschlägen zu arbeiten. 

Er sieht jedoch nur eine Chance von 30%, dass dies bis Oktober geschehen werde und sagte, „wir sind in der Vergangenheit zu optimistisch gewesen“. Der Gipfel im Oktober müsse jedoch zumindest „den Weg vorzeigen“, wie weiter vorgegangen werden soll, betonte Swoboda. 

Der britische Europaabgeordnete und Vorsitzende der ALDE-Fraktion im Europäischen Parlament, Graham Watson, forderte die Staats- und Regierungschefs der EU auf, in Zukunft die Unterstützung für die EU nicht als selbstverständlich anzusehen. Die nationalen Regierungen könnte keine Unterstützung für Vertragsänderungen erwarten, sofern deren Notwendigkeit nicht eindeutig gerechtfertigt sei, sagte Watson.

Watson spielte auf eine Zeile des irischen Dichters W.B. Yeats an und sagte, das romantische Europa sei „tot und vergangen“.

Er rief die Staats- und Regierungschefs der EU weiter auf, die Gründe für das irische ‚Nein’ vollständig zu erörtern, bevor mit der Ratifizierung fortgeschritten werden könne. Sie sollten vermeiden, sich in den kommenden fünf Jahren von institutionellen Veränderungen ablenken zu lassen, die außerhalb Brüssels niemanden interessierten.

Andrew Duff, der britische Europaabgeordnete (ALDE) des Parlamentsausschusses für konstitutionelle Fragen, begrüßte den Ansatz der EU-Staats- und Regierungschefs, „auf Irland Druck auszuüben, das Land jedoch nicht zu tyrannisieren“, um Lösungen vorzubringen.

Die Ablehnung der Iren des Lissabon-Vertrags sei ein „kollektives Problem“ aller 27 Mitgliedstaaten, sagte Duff EurActiv, da ein endgültiges irisches ‚Nein’ „deutliche Konsequenzen“ für die gesamte Union haben würde. 

Duff schlug eine zweiseitige Strategie vor, um schließlich die Unterstützung der Iren für den Vertrag zu gewinnen: Einerseits müsse die irische Regierung innerhalb des ‚Nein’-Lagers eine neu begründete Einigung erreichen; doch andererseits müsse die EU den Iren etwas bieten, wie die Gewährung seiner Souveränität in bestimmten Bereichen wie Steuer- oder Verteidigungspolitik.

Die europäischen Grünen kritisierten die Staats- und Regierungschefs der EU dafür, dass ihnen nicht klar sei, wie sie Europa infolge des irischen ‚Neins’ voranbringen können; eine Art Zukunftsvision sei jedoch notwendig, um das Vertrauen und die Unterstützung der Bürger wiederzugewinnen.

Einen Ausweg aus dieser Situation zu finden und konkrete Maßnahmen zu ergreifen sowie einfallsreiche Lösungen zu entwickeln, sollte die oberste Priorität der Staats- und Regierungschefs der EU sein. Dieser Gipfel habe jedoch gezeigt, dass dies unglücklicherweise nicht der Fall sei, sagte Ulrike Lunacek, Sprecherin der Grünen.

Das Vertrauen könne wieder gewonnen werden, indem man sich auf Themen wie Klimawandel, die Energie- und Lebensmittekrise, die weltweite Wettbewerbsfähigkeit der EU oder die Solidarität mit armen Ländern konzentriere, sagte ein anderer Sprecher der Grünen, Philippe Lamberts.

Nächste Schritte: 
  • 23. Juni 2008: Die slowenische EU-Ratspräsidentschaft wird den Parlamentsausschuss für konstitutionelle Fragen über die Ergebnisse des Rats unterrichten.
  • 24. Juni 2008: Europaabgeordnete werden während einer speziellen Sitzung in Brüssel das Ergebnis des Europäischen Gipfels beurteilen, insbesondere die Schlussfolgerungen zum Lissabon-Vertrag.
  • 1. Juli 2008: Frankreich übernimmt die EU-Ratspräsidentschaft.
  • 15. Oktober 2008: Irland soll während des EU-Gipfels Lösungsvorschläge für die gegenwärtige Krise unterbreiten.
Hintergrund : 

Die Staats- und Regierungschefs der EU hielten eine Woche nach der irischen Ablehnung des Lissabon-Vertrags ihren ‚Krisengipfel’ ab. Es wurden hauptsächlich Meinungen über das mögliche weitere Vorgehen ausgetauscht. Eine konkrete Entscheidung wurde jedoch auf den Gipfel im Oktober vertagt. 

Abgesehen von dieser Problematik diskutierten die EU-Staats- und Regierungschefs die Möglichkeiten, um den Anstieg der Lebensmittel- und Ölpreise in den Griff zu bekommen. Hier legte Frankreich beispielsweise einen Vorschlag zur Begrenzung der Mehrwertsteuer für Benzin vor. Es wurden jedoch auch hier keine konkreten Maßnahmen bestimmt (EurActiv vom 20. Juni 2008).

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