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Frankreich entscheidet über Europa: Verfassungskampf geht in die Schlussrunde [DE]

Veröffentlicht 27. Mai 2005 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Am Sonntag, 29. Mai, wird Frankreich nach einer erbitterten Kampagne über die EU-Verfassung abstimmen. EurActiv befasst sich im Vorfeld dieses für die Zukunft Europas entscheidenden Ereignisses mit den Argumenten der Franzosen für und gegen die Verfassung.

Während das Referendum 1992 vor allem von den Auseinandersetzungen zwischen den ‚Föderalisten’ und ‚Souveränisten’ geprägt wurde, ist dieses Element praktisch verschwunden. Dieses Mal scheinen Themen die Debatte zu beherrschen, die mit dem Inhalt der Verfassung wenig zu tun haben.

Die linksgerichteten Verfassungsgegner lehnen die europäische Zusammenarbeit in der Tat nicht als solche ab. Sie setzen sich nur für ein anderes Europa ein, als dasjenige, welches sie in der Verfassung zu erkennen meinen.

Sozialpolitische Aspekte

Die Krisenstimmung, die sich aufgrund des von Standortverlagerungen hervorgerufenen Stellenabbaus und des von China ausgelösten Drucks auf die französische Textilindustrie, der aufgrund der vollständigen Handelsliberalisierung der Textilbranche im Januar 2005 entstanden ist, breit macht, hat zu Forderungen nach einer besseren Verteidigung des europäischen ‚Sozialmodells’ geführt. 

Sowohl das Lager der Verfassungsgegner in der Sozialistischen Partei als auch der rechte Flügel der ‚Front National’ haben dieses Thema aufgegriffen. Die Vorwürfe, die der Politik gemacht werden, bestehen darin, dass die Verfassung zugunsten des liberalen Verständnisses des freien Markts ausfalle, beziehungsweise, dass die EU den französischen Arbeitnehmer, „la France d’en bas“, keinen Schutz biete. Die Debatte uferte zwischendurch sogar dahingehend aus, dass gezählt wurde, wie oft die Begriffe ‚sozial’ und ‚liberal’ in dem Verfassungsvertrag erwähnt werden. ‚Sozial’ gewann, allerdings scheint das den Befürwortern kaum geholfen zu haben. 

Dienstleistungsrichtlinie

Auch die geplante Dienstleistungsrichtlinie wurde im Februar und März 2005 Gegenstand heftiger Debatten über die soziale Dimension der Europapolitik. Auf dem letzten EU-Gipfel, der im März stattfand, eilten die EU-Regierungschefs Präsident Chirac zur Hilfe. So wurde in den Schlussfolgerungen des Gipfels betont, es müsse ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Interessen eines liberalisierten Markts und dem Schutz sozialer Werte hergestellt werden. Chirac vertrat öffentlich die Auffassung, dass die Richtlinie grundlegend überarbeitet werden würde. Allerdings ist es der ursprüngliche Vorschlag, der dem Europäischen Parlament vorliegt. Änderungsvorschläge der deutschen Europaabgeordneten Evelyn Gebhardt (SPE) deuten jedoch darauf hin, dass die Ängste der Franzosen ernst genommen werden.

Einfluss Frankreichs in der EU

Den französischen Politikern und Denkern, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten einen maßgeblichen Einfluss auf das europäische Projekt ausgeübt haben, ist es gelungen, den französischen Bürgern zu vermitteln, dass die EU in gewisser Weise so gebaut worden ist, dass sie französischen Interessen dient. 

Ungeachtet der Frage, in welchem Maß dies auch tatsächlich der Fall gewesen sein mag, hat die EU-Erweiterung auf 25 Mitgliedstaaten diese Vorstellung infrage gestellt. Und die Aussicht auf die mögliche Mitgliedschaft eines weiteren Landes, der Türkei, welches sogar größer als Deutschland ist, scheint ebenfalls nicht mit dem Bild, das sich die Franzosen von der EU gemacht haben, zusammenzupassen. 

Einige Analysten sind der Meinung, dass es in dem Referendum in Wirklichkeit um eine Abstimmung über die Erweiterung gehe, da die Bevölkerung zu dieser nie direkt befragt worden ist. 

Die riesigen finanziellen Vorteile, die französische Landwirte aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (CAP) ziehen, geraten zunehmend unter Druck seitens der Welthandelsorganisation WTO. Außerdem dämmert es den meisten Mitgliedstaaten langsam, dass die längst überfällige Agrarreform nun endlich durchgeführt werden muss.

Stellungnahmen: 

Das ‘Ja’-Lager: 

Präsident Jacques Chirac: “Man kann nicht europäisch sein und gleichzeitig mit ‚Nein’ stimmen – der EU-Vertrag ist die Tochter von 1789“. 

Premier Jean-Pierre Raffarin: „Wenn wir den Verfassungsvertrag ablehnen, wird Europa ein KO-Schlag versetzt“. Ein ‚Nein’ würde Frankreich in eine „politische Krise“ stürzen, die eine „monatelange wirtschaftliche Krise“ zur Folge haben würde. „Es ist die EU, die Frankreich vor den mächtigen Wirtschaftskräften schützt“. 

„Es wird keine zweite Runde, keine zweite Chance, geben. Frankreich wird seinen Willen nur einmal kundtun. Sobald dies geschehen ist, wird die Botschaft klar sein“.

Daniel Cohn-Bendit, Grüner Europaabgeordneter, wirft dem Lager der Verfassungsgegner vor, es leide unter einem “Asterix-Komplex” und träume davon, dass Frankreich ewig eine Ausnahme bilden könne: „Warum sind es nur die französischen Gewerkschaft, die gegen die Verfassung sind? Könnte es sein, dass die anderen nicht lesen können?“

Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker:  “Ich glaube nicht, dass die USA und die angelsächsischen Länder darüber traurig wären, wenn die Franzosen ‚Nein’ sagen würden“. 

Simone Veil, ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments: “Es ist immer schwierig, wenn es [in einem Referendum] um ein kompliziertes Thema geht. Sobald die Dinge nur ein wenig kompliziert sind, beantworten die Menschen nicht mehr die Frage, die ihnen gestellt wird”. 

Alain Minc, Intellektueller: “Wie können die Gegner der Bolkestein-Richtlinie nur eine einzige Sekunde lang ernsthaft glauben, dass es Frankreich nach einem ‚Nein’ noch möglich sein wird, mit der Faust auf den Tisch zu hauen und laut seine Meinung kundzutun, wie Präsident Chirac es zu seiner Gewohnheit gemacht hat?“

Martin Schulz, deutscher Vorsitzende der SPE-Fraktion im Europäischen Parlament: “Wir müssen der französischen Bevölkerung sagen: Warum müssen wird den Preis dafür bezahlen, dass ihr - wenn auch zu Recht - mit der Politik von Premier Raffarin unzufrieden seid?“ 

Martine Aubry, Sozialistin und ehemalige Ministerin: “Sämtliche französischen Gesetze zugunsten der Rechte von Frauen sind von der EU ausgegangen: gleicher Lohn für Männer und Frauen, Nichtdiskriminierung, Gesetze zum Schutz schwangerer Frauen, die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Prostitution“. 

Bernard Layre, Präsident der Jungen Landwirte (JA): «Wir sollten jegliche Verwirrung vermeiden. Die Verfassung ist nicht die Gemeinsame Agrarpolitik. Die Verfassung stärkt die politischen Befugnisse. Dies stellt keine Garantie dar, aber immerhin ist es ein Schritt auf dem Weg des Kampfes gegen die europäische Bürokratie“.

Jacques Delors, ehemaliger Kommissionspräsident: “Ich wiederhole es noch einmal: Ein ‚Nein’ wird zu einer Lähmung der EU und einer Schwächung Frankreichs führen und wäre somit ein riesiges Hindernis für die Schaffung eines stärkeren Europas“. 

Lionel Jospin, ehemaliger sozialistischer Premier: ”Wir sollten Europa nicht als Geisel unserer innenpolitischen Schwierigkeiten halten. Das Wort ‚liberal’ macht keinen Sinn. Die EU ist nicht liberal, weil es einen Rahmen bietet. Ich hoffe, dass die Linke sich vereinen wird, um die EU zu ändern, anstatt sie zu blockieren“. 

Catherine Lalumière, ehemalige Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments und Präsidentin des Europahauses von Paris: "Es ist keine Verfassung, sondern nur ein Vertrag, allerdings zugegebenermaßen ein wichtiger; ein entscheidender Schritt in der Konstruktion Europas“. Es ist auch ein „Kompromiss“, der zwangsläufig nicht perfekt sein könne. Dies müsse ein Frankreich akzeptieren, welches “die Tendenz hat, sich als allein in der Welt, oder sogar als dem Rest der Welt überlegen, zu betrachten”. 

Pascal Perrineau, Direktor von Cevipof, Zentrum für das Studium des politischen Lebens in Frankreich: "Es ist verblüffend. Es gibt in Frankreich einen allgemeinen, wenn auch passiven, Konsens zugunsten von Europa. Aber sobald man eine konkrete Frage stellt, schmilzt die pro-europäische Stimmung dahin“.

Roland Cayro, führender Meinungsforscher: “Es gibt eine klare Kluft zwischen dem wohlhabenden, selbstbewussten Frankreich und einem verängstigten, sich durchkämpfenden Frankreich. Das sind zwei verschiedene Länder“.

Laut Alain Duhamel, europapolitischer Analyst, sei die Wirtschaft das größte Problem. Frankreich befinde sich in einer „allgemeinen schwierigen wirtschaftlichen Lage, aufgrund der wachsenden Arbeitslosigkeit, der stagnierenden Löhnen, des fallenden Privatverbrauchs, der Rentensorgen, der Furcht vor Abwanderung von Arbeitsplätzen und vor Polen und Litauern, die hier arbeiten. Es ist ein ‚Nein’ zur heutigen Welt, ein ‚Nein’ zu einer Welt, die Angst macht“.

Die Verfassungsgegner

Laurent Fabius, ehemaliger sozialistische Premier: “Das ist kein Referendum, das ist Propaganda“. Fabius wirft Präsident Chirac vor, Lügen zu verbreiten, indem er die Verfassung als einen Wegbereiter eines sozial harmonischeren Europas darstellt.

Jacques Nikonoff, Präsident von Attac France: "Das Europa, das gebaut wird, ist ein nicht-demokratisches Europa“. Seiner Meinung nach sei der Verfassungsvertrag symptomatisch für ein grundlegend „fehlerhaftes“ System. „Um eine wirksame Verfassung zu bekommen, wäre es nötig gewesen, eine konstituierende Versammlung einzurichten, um den Bürgern eine Stimme zu geben“, so Nikonoff. Und weiter hieß es, „ein ‚Nein’ ist die Wahl der Hoffnung“, weil es eine Ablehnung eines Modells darstellen würde, welches auf „einen härteren Wettbewerb“ beruht, der „die Staaten dazu zwingt, ihren einzigen Vorteil geltend zu machen: Steuer- und Sozialdumping“.  

Jean-Marie Le Pen, Parteiführer der ‚Front National’: „Der Premierminister versucht die Wähler zu verängstigen, indem er versucht sie davon zu überzeugen, dass die Seine zu laufen aufhören würde, dass sich aufgrund einer wirtschaftlichen Krise alles verschlechtern würde, sollte das ‚Nein’ gewinnen“. 

Der Beitrag der Gewerkschaft CGT (Confederation Generale du Travail): „Die Implikationen des Ansatzes ‚der Markt zuerst’ und die zentrale Stellung, der dem Wettbewerb eingeräumt wird, ist auch weiter auffallend und daher potentiell destruktiv für soziale Rechte, öffentliche Dienstleistungen, Beschäftigung und für den sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhang in der EU insgesamt“. 

Marie George Buffet von der französischen Kommunistischen Partei: „Liberalismus wird mit der Verfassung fest verankert. Wollen wir dieses Europa, oder wollen wir ein anderes? Darum geht es. Die Debatte im Jahr 1992 über den Maastricht-Vertrag wurde auf ein ‚Ja oder Nein zu Europa’ beschränkt. Das funktioniert nicht mehr. Unsere Bürger wollen sich dazu äußern, in welche Richtung die EU gehen muss“. 

José Bové, Confédération Paysanne: „Wir wollen ein demokratisches Europe, ein soziales Europa und ein anti-liberales Europa“.

Nächste Schritte: 

Sollten sich die französischen Bürger für ein ‚Nein’ entscheiden, wird die EU voraussichtlich eine abwartende Haltung einnehmen, bis Präsident Chirac und die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten ihre Erklärungen abgegeben haben.

Die Niederländer werden am 1. Juni über die Verfassung abstimmen. Umfragen deuten darauf hin, dass ein ‚Nein’ wahrscheinlich ist.

Hintergrund : 

Frankreich hat bereits ein EU-Referendum hinter sich. Die im Jahr 1992 stattfindende Abstimmung über den Maastricht-Vertrag fiel mit 51 Prozent knapp zugunsten der Vertragsbefürworter aus. Trotzdem ist die traditionell pro-europäisch eingestellte politische Elite Frankreichs dieses Mal von dem Umfang des Widerstands, der sich in Umfragen  abzeichnet, überrascht geworden. 

Die äußerst emotionalen Kampagnen der letzten Monate wurden vor dem Hintergrund wachsender Arbeitslosigkeitszahlen (etwa 10 %) und der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit der Regierung von Premier Jean-Pierre Raffarin geführt. Es wird bereits darüber spekuliert, wer im Falle eines ‚Non’ sein Nachfolger werden könnte.   

Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die französischen Wähler vor allem ihrem Ärger Luft machen und Präsident Chirac und Premierminister Raffarin eine blutige Nase verpassen wollen. Ein Kommentator kam zu dem Schluss, dass die französische Bevölkerung ab und zu einfach ihre Unmut zum Ausdruck bringen müsse.

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