Während das Referendum 1992 vor allem von den Auseinandersetzungen zwischen den ‚Föderalisten’ und ‚Souveränisten’ geprägt wurde, ist dieses Element praktisch verschwunden. Dieses Mal scheinen Themen die Debatte zu beherrschen, die mit dem Inhalt der Verfassung wenig zu tun haben.
Die linksgerichteten Verfassungsgegner lehnen die europäische Zusammenarbeit in der Tat nicht als solche ab. Sie setzen sich nur für ein anderes Europa ein, als dasjenige, welches sie in der Verfassung zu erkennen meinen.
Sozialpolitische Aspekte
Die Krisenstimmung, die sich aufgrund des von Standortverlagerungen hervorgerufenen Stellenabbaus und des von China ausgelösten Drucks auf die französische Textilindustrie, der aufgrund der vollständigen Handelsliberalisierung der Textilbranche im Januar 2005 entstanden ist, breit macht, hat zu Forderungen nach einer besseren Verteidigung des europäischen ‚Sozialmodells’ geführt.
Sowohl das Lager der Verfassungsgegner in der Sozialistischen Partei als auch der rechte Flügel der ‚Front National’ haben dieses Thema aufgegriffen. Die Vorwürfe, die der Politik gemacht werden, bestehen darin, dass die Verfassung zugunsten des liberalen Verständnisses des freien Markts ausfalle, beziehungsweise, dass die EU den französischen Arbeitnehmer, „la France d’en bas“, keinen Schutz biete. Die Debatte uferte zwischendurch sogar dahingehend aus, dass gezählt wurde, wie oft die Begriffe ‚sozial’ und ‚liberal’ in dem Verfassungsvertrag erwähnt werden. ‚Sozial’ gewann, allerdings scheint das den Befürwortern kaum geholfen zu haben.
Dienstleistungsrichtlinie
Auch die geplante Dienstleistungsrichtlinie wurde im Februar und März 2005 Gegenstand heftiger Debatten über die soziale Dimension der Europapolitik. Auf dem letzten EU-Gipfel, der im März stattfand, eilten die EU-Regierungschefs Präsident Chirac zur Hilfe. So wurde in den Schlussfolgerungen des Gipfels betont, es müsse ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Interessen eines liberalisierten Markts und dem Schutz sozialer Werte hergestellt werden. Chirac vertrat öffentlich die Auffassung, dass die Richtlinie grundlegend überarbeitet werden würde. Allerdings ist es der ursprüngliche Vorschlag, der dem Europäischen Parlament vorliegt. Änderungsvorschläge der deutschen Europaabgeordneten Evelyn Gebhardt (SPE) deuten jedoch darauf hin, dass die Ängste der Franzosen ernst genommen werden.
Einfluss Frankreichs in der EU
Den französischen Politikern und Denkern, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten einen maßgeblichen Einfluss auf das europäische Projekt ausgeübt haben, ist es gelungen, den französischen Bürgern zu vermitteln, dass die EU in gewisser Weise so gebaut worden ist, dass sie französischen Interessen dient.
Ungeachtet der Frage, in welchem Maß dies auch tatsächlich der Fall gewesen sein mag, hat die EU-Erweiterung auf 25 Mitgliedstaaten diese Vorstellung infrage gestellt. Und die Aussicht auf die mögliche Mitgliedschaft eines weiteren Landes, der Türkei, welches sogar größer als Deutschland ist, scheint ebenfalls nicht mit dem Bild, das sich die Franzosen von der EU gemacht haben, zusammenzupassen.
Einige Analysten sind der Meinung, dass es in dem Referendum in Wirklichkeit um eine Abstimmung über die Erweiterung gehe, da die Bevölkerung zu dieser nie direkt befragt worden ist.
Die riesigen finanziellen Vorteile, die französische Landwirte aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (CAP) ziehen, geraten zunehmend unter Druck seitens der Welthandelsorganisation WTO. Außerdem dämmert es den meisten Mitgliedstaaten langsam, dass die längst überfällige Agrarreform nun endlich durchgeführt werden muss.



