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Frankreich: heftige Kritik an ungarischem Mediengesetz

Veröffentlicht 05. Januar 2011 - Aktualisiert 06. Januar 2011
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Frankreich hat gestern (4. Januar) gesagt, dass ein neues Mediengesetz, das Ungarn – das seit dem 1. Januar den rotierenden Ratsvorsitz der EU innehat – angenommen hat, die Gesetze über die Pressefreiheit verletze. Paris forderte die anderen Mitgliedsstaaten der Union auf, dagegen vorzugehen.

Der Sprecher der französischen Regierung und Budgetminister, François Baroin, erklärte dem Radiosender „France Inter“, dass das Gesetz „mit der Anwendung der Ideen über die Pressefreiheit, die in den europäischen Verträgen validiert“ worden seien, „nicht vereinbar“ sei.

Mehrere EU-Mitglieder haben wegen des Gesetzes an Ungarn Kritik geübt. Das Gesetz sieht eine neue Medienbehörde, die durch von der regierenden Fidesz-Partei ernannte Beauftragte beherrscht werden und jegliche neue öffentliche Nachrichtenproduktion überwachen wird, vor. Sie kann auch private Medien, die „ausgewogen“ sein müssen, mit großen Geldbußen belegen.

„Das Gesetz in Klammern setzen“

Ungarn wurde von Großbritannien, Deutschland und Luxemburg, dessen Außenminister hinterfragte, ob es Ungarn würdig sei, die 27-köpfige Union zu leiten, öffentlich getadelt.

Die französische Position und die Position aller EU-Mitgliedsstaaten müsse diplomatisch und politisch betrachtet stark genug sein, damit die ungarische Regierung eine ruhigere Präsidentschaft haben könne, indem sie dieses Gesetz in Klammern setze, so Baroin.

Budapest sagte, es sei zuversichtlich, dass der Text „in jeder Hinsicht mit den relevanten EU-Standards“ übereinstimme.

In Frankreich wurde an dem Gesetz seitens des ganzen politischen Spektrums Kritik geäußert – die meiste Opposition kam von der sozialdemokratischen Partei („Parti socialiste“), die es als „sehr schlechtes Zeichen für Europa und für die Pressefreiheit“ bezeichnete.

Die Kontroverse über das Mediengesetz hat dazu beigetragen, die EU-Präsidentschaft Ungarns zu überschatten.

Budapest und Brüssel sind mehrfach aneinander geraten, seitdem Premierminister Viktor Orban Sparmaßnahmen abgelehnt, mit dem Internationalen Währungsfonds die Verbindungen abgebrochen und sich für ungewöhnliche Haushaltsmaßnahmen entschieden hatte, um das Budgetdefizit zu reduzieren und das Wirtschaftswachstum zu fördern.

Die Europäische Kommission hat am Montag angekündigt, dass sie die Gesetzmäßigkeit von Krisensteuern, die die Mitte-Rechts-Regierung Ungarns Telekommunikationsunternehmen und den Einzelhandel- und Energiesektoren aufgezwungen hat, untersuche.

(EurActiv mit Reuters. Von EurActiv aus dem Englischen übersetzt.)

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Stellungnahmen: 

Die französische Tageszeitung „Le Monde“ veröffentlichte gestern (4. Januar) einen Leitartikel mit dem Titel „Ungarn missachtet die Werte Europas“.

Die bürgerliche Regierung Viktor Orbans habe eine Reihe an Gesetzen, die dem Geist der Europäischen Union, die ein demokratischer Raum der Gewaltenteilung sein wolle, zuwiderliefen. Das neue Mediengesetz sei eines davon, schreibt „Le Monde“.

Die einflussreiche französische Tageszeitung beschreibt die Reaktion der Kommission als „schwach“ und bemerkt, dass im Europäischen Parlament nur die Sozialisten, Liberalen und Grünen die Texte klar verurteilt haben.

In den meisten EU-Ländern wagten es die Regierungen – mit der Ausnahme Deutschlands, Luxemburgs und „später“ Frankreichs – jedoch nicht, an der ungarischen Regierung Kritik zu üben, schreibt „Le Monde“.

Guy Verhofstadt, Chef der liberalen ALDE-Fraktion im Europäischen Parlament, hat eine Stellungnahme, die das ungarische Mediengesetz verurteilt, veröffentlicht.

Die Zeit der Prawda sei vorbei. Das neue Gesetz sei unakzeptabel. Ungarn müsse erklären und die Kommission handeln, fordert Verhofstadt.

Ungarn werde bald mit seiner erste EU-Präsidentschaft beginnen. In dieser Position müsse es alle demokratischen Prinzipien, die man teile – darunter die Presse- und Informationsfreiheit –, nicht nur annehmen und unterstützen, sondern auch verteidigen. Keinem Mitgliedsstaat könne es erlaubt sein, dass es im Namen einer undefinierten nationalen Sicherheit Freiheiten, die der Werteunion zu Grunde lägen, einschränke, so Verhofstadt.

Man habe einen schockierenden Präzedenzfall, bei dem kritische Medien und die öffentliche Debatte zum Schweigen gebracht, die freie Marktwirtschaft verletzt und die politische Unabhängigkeit verneint werde, erlebt. Was man sich danach von Ungarn erwarten könne, sei für Verhofstadt die Frage.

Die Fraktion Grüne/Europäische Freie Allianz im Europäischen Parlament hat eine Stellungnahme veröffentlicht, die die Europäische Kommission und den Rat auffordert, gegen Ungarn auf Grund des „drakonischen“ Mediengesetzes vorzugehen.

Die Ko-Präsidentin der Grünen/EFA Rebecca Harms sagte, dass dieses drakonische Mediengesetz an die undemokratische Vergangenheit Europas erinnere und es ein Skandal sei, dass es der Rat der EU und die Kommission erlaubt hätten, dass es so weit komme.

Die EU sei trotz ernster Bedenken nach dem Entwurf des Gesetzes, das mit dem demokratischen Grundprinzip der Medienfreiheit, wie es in der Charta der Grundrechte und in der Europäischen Menschenrechtskonvention – und daher im EU-Vertrag – festgesetzt sei, kollidiere, untätig geblieben, so Harms.

Der Ko-Präsident der Grünen/EFA Daniel Cohn-Bendit fügte hinzu, dass die Grünen den Kommissionspräsidenten aufgefordert hätten, keine weitere Zeit zu verlieren und unter Artikel 7 des Vertrags gegen Ungarn ein Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten. Es sei undenkbar, dass es der neuen ungarischen EU-Präsidentschaft erlaubt sei, dieses „abscheuliche“ Gesetz, das einem EU-Kernprinzip völlig widerspreche, beizubehalten.

Die Grünen würden darauf beharren, dass die Lage in Ungarn im Plenum des Europäischen Parlaments im Januar 2011 diskutiert werde. Jedoch hofften sie stark, dass die Kommission nicht so lange warten werde, bevor sie agiere, sagte Cohn-Bendit.

Budapest: Under pressure
Hintergrund : 

Ungarn hat am 1. Januar 2011 den sechsmonatigen Vorsitz des Ministerrates übernommen.

Die Hauptthemen, die Budapest während seiner Präsidentschaft angehen möchte, sind unter anderem die Energie, die östliche Partnerschaft, den EU-Beitritt Kroatiens, die Lage der Roma und die Donaustrategie.

Seit dem ersten Tag belastet jedoch eine kontroverse Gesetzgebung, die von der Regierungsmehrheit Ungarns vor kurzem angenommen wurde, die Beziehungen zur Europäischen Kommission. Insbesondere untersucht die Kommission, ob ein vom ungarischen Parlament gemeinsam mit „Sondersteuern“ auf ausländische Unternehmen am 21. Dezember angenommenes kontroverses Mediengesetz mit dem EU-Gesetz übereinstimmt.

Was Frankreich betrifft, wird es auf Grund seiner Roma-Ausweisungen von der Kommission untersucht.

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