Mit einer Mischung aus Humor und Selbstironie sowie einer Reihe leidenschaftlicher politischer Erklärungen gewann Kristalina Georgiewa die Unterstützung des vollen Sitzungssaals im Parlament. Europaabgeordnete beglückwünschten sie bereits vor dem offiziellen Ende der Anhörung zu ihrem Erfolg.
"Für die Notleidenden der Welt ist dies das allerwichtigste Ressort", sagte Georgiewa und wies damit die Ansicht zurück, dass ihr zukünftiger Arbeitsbereich "weniger wichtig" als andere Zuständigkeiten der Kommission sein könnte.
"Ich strebe an, eine starke Stimme für diejenigen in großer Not zu sein", sagte sie und versprach eine wirksame Nutzung von EU-Ressourcen sowie mehr Sichtbarkeit für die Handlungen der Union in Haiti, das von einem Erdbeben erschüttert wurde (EurActiv vom 25. Januar 2010).
Gewisse Ironie des Haiti-Erdbebens
Das Erdbeben erschütterte Haiti nur zwei Stunden nach der enttäuschenden Vorstellung von Rumiana Schelewa, die für Georgiewas Ressort vorgesehen war, bevor sie wegen Vorwürfen von Interessenskonflikten zum Rückzug gezwungen wurde (siehe 'Hintergrund').
"Haiti beginnt ganz von vorn, ist dabei aber nicht auf sich allein gestellt. Wenn ich im Amt bestätigt werde, ist es meine unmittelbare Pflicht sicherzustellen, dass wir Europäer Haiti das Beste liefern, was die Union zu bieten hat", versicherte Georgiewa den Europaabgeordneten.
Georgiewa antwortete auf Fragen sicher und souverän und ging dabei sowohl auf Einzelheiten als auch auf umfassende politische Ideen ein.
Das Verfahren sieht Zeitbegrenzungen für Fragen und Antworten vor, die Georgiewa jedoch nicht immer berücksichtigte. Als sie ihre Ideen zur innovativen Finanzierung groß angelegter humanitärer Krisenhilfe – etwa auf Haiti – ausbreitete, ging ihr die Zeit aus und die Vorsitzende des Entwicklungsausschusses Eva Joly (Grüne/EFA, Frankreich) musste ihr das Wort abschneiden.
Jedoch war sich Joly auch darüber im Klaren, dass das Publikum dazu mehr hören wollte. "Es ist sehr interessant, aber wir müssen fortfahren", drückte Joly unter dem Gelächter von Europaabgeordneten ihr Bedauern aus.
Die Fraktion der Grünen/EFA, die Schelewa das Leben schwer gemacht hatte, beeilte sich dieses Mal mit Glückwünschen für Georgiewa, indem sie bereits vor Ende der Anhörung eine Pressemitteilung herausgab.
'Yes she can'
"Kristalina Georgiewa hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sie für diesen Posten die Richtige ist", sagten die Grünen in ihrer Pressemitteilung. "In ihrer Anhörung bewies sie, dass sie die menschlichen und beruflichen Qualitäten hat, um eine ausgezeichnete Kommissarin für humanitäre Hilfe zu werden. Zudem zeigte sie ein Gespür für grüne Themen, darunter die Querverbindungen zwischen Entwicklung, Umweltzerstörung und humanitärer Hilfe", sagte Judith Sargentini, niederländische Europaabgeordnete der Grünen.
"Die einzig wirklich offene Frage ist, warum Georgiewa nicht von Anfang an von der bulgarischen Regierung nominiert wurde", schloss Sargentini.
Die liberale ALDE-Fraktion, von der einige Mitglieder Schelewa besonders kritisch gegenüberstanden, lobten Georgiewas Leistung ebenfalls. Im Gespräch mit EurActiv sagte Charles Goerens (ALDE, Luxemburg) lächelnd: "Yes, she can". Ihre Vorstellung sei "pannenfrei" verlaufen. Georgiewa habe ein gutes Verständnis ihres Ressorts bewiesen und "großes politisches Talent" gezeigt.
"Selbst auf die schwierigsten politischen Fragen konnte sie antworten, ohne in Allgemeinplätze oder bürokratischen Jargon zu verfallen", so Goerens.
Seiner Ansicht nach werde Georgiewa eines der Schwergewichte innerhalb der neuen Kommission sein.
Dienstweg in Frage gestellt
Goerens ließ keinen Zweifel daran, dass er eine gute Zusammenarbeit Georgiewas mit der außenpolitischen Chefin der EU, Catherine Ashton, erwartet, deren Anhörung weithin als weniger überzeugend angesehen wurde.
"Ich würde Frau Ashton dazu raten, Frau Georgiewa so viel Handlungsfreiheit wie möglich zu geben, in allen Bereichen, in denen die Unabhängigkeit und Neutralität humanitärer Leistungen angemessene Maßnahmen darstellen. In diesen Bereichen würde sich Georgiewa hervortun und alle anderen Akteure sollten beiseite treten, weil sie diejenige ist, die führen sollte."
Georgiewa wurde von einer Frage vom Europaabgeordneten Thijs Berman (S&D, Niederlande) bezüglich sich überschneidender Ressorts in der Kommission herausgefordert. So wird sie unter Anleitung Ashtons eng mit dem Letten Andris Piebalgs (Entwicklung) zusammenarbeiten müssen.
Die designierte Kommissarin sagte, sie habe diese Frage vor einigen Tagen mit Ashton erörtert, als beide das erste Mal zusammentrafen. Für die Bereiche humanitäre Hilfe und Katastrophenhilfe werde sie allein die Verantwortung tragen.
Jedoch versprach Georgiewa auch teamfähig zu sein. "Da ich von der Weltbank komme, liegt mit die kollektive Entscheidungsfindung im Blut", sagte sie lächelnd.
Anerkennung der Frankophonie
Gegen Ende der Anhörung wurde Georgiewa gefragt, ob sie fünf Minuten für Schlussbemerkungen nutzen wolle. Sie sagte, sie wolle nur eine Erklärung abgeben: An dem Tag, als ihre Mutter 86 Jahre alt geworden sei, habe sie ihr versprochen, dass sie Französisch lernen werde.
"Si ma nomination est confirmée, je ferai l'effort d'apprendre le français," sagte sie unter Beifall.
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