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Merkel: "Die europäische Idee neu denken" [DE]

Veröffentlicht 12. Mai 2006 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt den weiteren Bürokratieabbau und hält eine Neubegründung des Projekts 'Europa' für notwendig.

Auftrag der EU

Trotz des „unbestreitbaren Erfolgs“ der EU als eine „Friedensgemeinschaft“, forderte Merkel eine „Neubegründung des europäischen Gedankens“, da die Begründung der Nachkriegszeit die Menschen nicht mehr inspirieren würde:  „Ich möchte die Dinge nicht dramatisieren, aber ich glaube, dass eine Neubegründung wichtiger ist denn je.  Wir müssen, und davon bin ich fest überzeugt, den Zustand des europäischen Projekts kritisch überdenken.“

Merkel betonte, dass die EU-Bürger in den Mittelpunkt gerückt werden müssten und dass man ihnen erklären müsse, was Europa für ihren Arbeitsplatz, ihren Wohlstand, ihre soziale Absicherung, ihr Gesundheitssystem und für sie im Alter bedeute.

Wachstum und Beschäftigung

Die Politiker müssten den Bürgern deutlich machen, dass die soziale Marktwirtschaft – „ein europäisches Modell“ – überleben könne.  Europa müsse, im Sinne von Wirtschaft, Beschäftigung, Bildung, Forschung und Innovation, wieder zur Erfolgsstory werden. Daher unterstütze sie die Lissabon-Strategie für Arbeitsplätze und Wachstum.  

Merkel fügte hinzu, dass die Spitzenpolitiker verstehen müssten, dass viele Bürger skeptisch seien, ob die EU den entscheidenden Problemen, wie z.B. Arbeitslosigkeit und das langsames Wirtschaftswachstum, gewachsen ist.

Sie gegrüßte das Bestreben der EU-Institutionen, überflüssige Gesetze abschaffen zu wollen und machte den Vorschlag den Bürokratieabbau noch weiter voranzutreiben.  Laut Merkel könnten 25 % aller EU-Gesetze abgeschafft werden.   Deutschland, die größte Volkswirtschaft innerhalb der EU, müsse in diesem Bereich als gutes Beispiel vorangehen, ebenso wie beim Stabilitäts- und Wachstumspakt, welcher eingehalten werden müsse.

Erweiterung und Nachbarschaftspolitik

Merkel plädierte für eine klare Definition der Grenzen Europas und betonte, dass nicht alle Staaten, die Mitglied werden wollen würden, auch aufgenommen werden könnten (s. EurActiv 11. Mai 2006).  Daher müsse die Europäische Nachbarschaftspolitik weiterentwickelt werden.  Bezüglich Rumänien und Bulgarien betonte sie, dass die gegebenen Versprechen eingehalten werden würden.

EU-Verfassung

„Wir brauchen den Verfassungsvertrag“, sagte Merkel, um sicherzustellen, dass das Demokratiedefizit abgebaut wird und die EU effizienter arbeiten kann.  Des Weiteren würde die Verfassung einen europäischen Grundwertekatalog enthalten, welcher die Definition eines europäischen, kulturellen Selbstverständnisses erleichtern würde. 

Sie versprach, dass sich Deutschland während seiner Ratspräsidentschaft mit der Verfassung befassen würde, allerdings müsse ein „Schnellschuss“ vermieden werden. Immerhin müssten viele verschiedene Interessen miteinander vereinbart werden.

Stellungnahmen: 

Elmar Brok, Mitglied der EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament, begrüßte Merkels Unterstützung für den EU-Verfassungsvertrag und ihre Absicht, Europa den Bürgern wieder näher zu bringen.

Die Fraktion der Grünen/ Freie Europäische Allianz im Europäischen Parlament ist von der Tatsache enttäuscht, dass nur wenige konkrete Vorschläge gemacht wurden.  Rebecca Harms, Sprecherin der deutschen Gruppe in der Fraktion, kritisierte, dass die Themen Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung nicht einmal erwähnt wurden und dass die Frage nach mehr Demokratie auf EU-Ebene nicht angesprochen wurde. 

Im Rahmen der Debatte über die Zukunft Europas bat EurActiv ebenfalls zwei deutsche Wissenschaftler um eine Bewertung der EU-Ziele.

Prof. Dr. Maull, Lehrstuhlinhaber für Außenpolitik und Internationale Beziehungen an der deutschen Universität Trier, ist der Ansicht, dass die EU mittelfristig als Akteur in den internationalen Beziehungen an Einfluss gewinnen würde, da sich die USA unter der Bush-Regierung selbst diskreditiert habe.  Voraussetzung hierfür wäre allerdings eine Stärkung des Zusammenhalts zwischen den EU-Institutionen und den nationalen Regierungen.  Die Position eines europäischen Außenministers würde die derzeitige Situation aber nicht ändern.

Allerdings werden die Mitgliedstaaten eher früher als später erkennen, dass sie in Energiefragen nicht alleine erfolgreich sein können.  

Prof. Dr. Uterweddestellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts (dfi) in Ludwigsburg/ Paris, vertritt die Meinung, dass man klare Prioritäten setzen und politische Entscheidungen treffen muss, wenn man die Ziele der Lissabon-Strategie erreichen will.  Innovation, Forschung und Bildung sollten die obersten Prioritäten werden.  Er ist davon überzeugt, dass sowohl Deutschland als auch die anderen EU-Staaten die notwendigen Maßnahmen ergreifen werden und dass die Grundbestandteile der sozialen Marktwirtschaft bewahrt werden können, wenn die richtigen Reformen durchgeführt werden.  Für Deutschland werden unter anderem das Ergebnis der Föderalismusreform und die Reform des Bildungssystems von entscheidender Bedeutung sein. 

Nächste Schritte: 
  • Am 15. – 16. Juni 2006 wird der Europäische Rat über die neu „Bürgeragenda“ der Kommission und den derzeitigen Stand der „Reflexionsphase“ beraten

  • Juli – Dezember 2006: Finnische EU-Ratspräsidentschaft

  • Januar – Juni 2007: Deutsche EU-Ratspräsidentschaft

Hintergrund : 

In ihrer ersten Regierungserklärung zur EU-Politik im deutschen Bundestag am 11. Mai, machte die Bundeskanzlerin deutlich, dass es noch zu früh sei, um über die Ziele der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im Januar 2007 zu reden.

Stattdessen machte Merkel eine Erklärung zur EU-Politik, in welcher sie die größten Herausforderungen der EU, aus Sicht der deutschen Bundesregierung, herausstellte.

Mit vielem was sie sagte wiederholte sie die Forderung von Kommissionspräsident Barroso nach „konkreten Ergebnissen für Europa“, um die derzeitige „Ergebniskrise“ der EU zu überwinden (s. EurActiv 11. Mai 2006).

Gleichzeitig vermied es Merkel, auf bestimmte Politikbereiche näher einzugehen.  Energie, eines der wichtigsten Themen des 21. Jahrhunderts, blieb völlig unerwähnt. 

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