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Zwischenbilanz: Drei Wundermittel zur Genesung der Lissabon-Strategie

Veröffentlicht 03. Februar 2005 - Aktualisiert 29. Januar 2010
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Eine klare Zielsetzung, Vereinfachung und mehr Engagement der Mitgliedstaaten für die Lissabon-Strategie sind die Wundermittel, die die Barroso-Kommission der Reformagenda verschreiben will, um den Prozess der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erneuerung Europas voranzutreiben.

Drei Zielsetzungen bezüglich der Duchführung der Lissabon-Reformen stehen im Mittelpunkt der Pläne der Kommission:

  • mehr Fokus mit einer "rigoroseren Prioritisierung": Die Kommission schlägt vor, dass verstärkt auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung gesetzt wird. In diesem Zusammenhang sollte eine "Partnerschaft für Wachstum und Beschäftigung" ins Leben gerufen werden, die durch einen Aktionsplan auf EU-Ebene sowie durch Aktionspläne in den Mitgliedstaaten unterstützt werden sollte;
  • Mobilisierung von Unterstützung für die Reformen: Die Mitgliedstaaten, Sozialpartner und Bürger müssen sich die notwendigen Reformen "zu Eigen" und mehr Verantwortung für ihre Durchführung übernehmen. Lissabon "muss ein Teil der nationalen politischen Debatte" werden; die Mitgliedstaaten werden dazu aufgefordert werden, der Kommission nationale Aktionsprogramme vorzulegen und auf Regierungsebene einen ‚Mr’ oder eine ‚Mrs Lissabon’ zu ernennen, der/die für die Umsetzung der Lissabon-Agenda zuständig ist;
  • Vereinfachung, Klarstellung und übersichtlichere Verfahren: anstatt einer Fülle an verschiedenen Berichten “die keiner liest” (so Barroso), wird es künftig auf der Ebene der EU und der Mitgliedstaaten nur jeweils einen Umsetzungsbericht sowie ein Aktionsprogramm zur Lissabon-Strategie geben

Mehrere Herausforderungen ergeben sich aus diesen drei Zielsetzungen:

  • Die Idee der Neuausrichtung der Lissabon-Agenda kann zu einer unfruchtbaren und sterilen ideologischen Debatte über die Wertgleichheit der drei ‚Säulen’ der Lissabon-Strategie führen: Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt und Umweltschutz. Mehrere soziale Organisationen und NGOs warnen bereits davor, dass die Neufokussierung der Lissabon-Strategie Teil einer „neo-liberalen“ Agenda der ‚unternehmensfreundlichen’ Barroso-Kommission ist, die sich ausschließlich auf Wachstum konzentriert. 
  • Die wohl größte Herauforderung für die Kommission wird darin bestehen, die Unterstützung der Mitgliedstaaten, Sozialpartner und Bürger für die Lissabon-Agenda zu gewinnen. Es ist bislang ungewiss, wie es der Kommission gelingen kann, die Mitgliedstaaten dazu zu zwingen, nationale Aktionsprogramme auszuarbeiten. Aber auch selbst wenn die Mitgliedstaaten diese vorlegen, wird es der Kommission kaum möglich sein, ihre Durchführung zu überwachen (einem ähnlichen Problem steht die Kommission in Verbindung mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt gegenüber). Darüber hinaus wird sie große Anstrengungen unternehmen müssen, um den Inhalt der Lissabon-Agenda an die EU-Bürger zu vermitteln. 
  • Übersichtlichere Berichterstattungsverfahren: Diese Absicht scheint lobenswert, aber was bedeuten Bericht, wenn der politische Wille und Führungskraft zur Umsetzung der notwendigen Reformen fehlt?
Stellungnahmen: 

Obgleich Kommissionspräsident Barroso versucht hat, seinen Kritikern zuvorzukommen, indem er betont, dass das übergreifende Ziel der Lissabon-Strategie die nachhaltige Entwicklung ist, lieferte er mit der folgenden Erklärung Zündstoff in der Debatte: „Wenn eines meiner Kinder krank ist, konzentriere ich mich auf dieses, was aber nicht bedeutet, dass ich die anderen Kinder weniger lieb habe“. [Diesen Vergleich hat Barroso von der ‚Blog’-Website von Margot Wallström geliehen – der erste Beweis dafür, dass Internet-‚Blogs’ langsam anfangen, Einfluss auf die Politik auszuüben - Kommentar des Redakteurs]

In Bezug auf einige Kommentare im Europäischen Parlament erklärte Industriekommissar Günter Verheugen, dass die Kommission keine Rennen um das ‚niedrigste Niveau’ in sozialen Angelegenheiten (man denke nur an die Löhne in China) und Umweltstandards (Lateinamerika) akzeptieren würde.

Im Namen der EVP-ED-Fraktion hat Marianne Thyssen der Kommission ihre Unterstützung für die Pläne ausgesprochen, wobei sie auch hervorhob, dass die Botschaft „Lissabon ist gut für Euch“ besser an die EU-Bürger vermittelt werden müsse. Sie warnte vor einer ideologischen Links-Rechts-Debatte.

Robert Goebbels, der für die sozialdemokratische Fraktion sprach, vertritt jedoch die Auffassung, dass „das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft, Sozialem und Umwelt zerstört worden ist. Die Barroso-Kommission konzentriert sich auf die makroökonomische Stabilität. Dies ist eindeutig sein Lieblingskind“. 

Graham Watson (ALDE) unterstützt die Pläne von Barroso, wünscht ihm indes viel Glück bei dem Versuch, auch die Mitgliedstaaten für sie zu gewinnen.

Daniel Cohn-Bendit von den Grünen warnt, dass eine „Renationalisierung“ der Lissabon-Agenda „fatal“ wäre.

Francis Wurtz (GUE) fasst mit diesem Kommentar die Gefühle anderer kritischer Fraktionen zusammen. „Unternehmenskreise haben ein neues Idol – Barroso!"

Nächste Schritte: 
  • Die EU-Staats- und Regierungschefs werden sich während des Frühjahrsgipfels vom 22. bis 23. März mit den Vorschlägen der Komission für einen Neustart der Lissabon-Strategie befassen.
Hintergrund : 

Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat am 2. Februar 2005 vor dem Europäischen Parlament die Vorschläge seines Kollegiums zur Neubelebung der Lissabon-Strategie vorgestellt. Diese Vorschläge werden die Grundlage der Diskussionen über die Zwischenbilanz der Reformagenda zur wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erneuerung Europas bilden, die die EU-Chefs auf ihrem Frühjahrsgipfel im März führen werden. Die Vorschläge der Kommission orientieren sich an den Empfehlungen des Kok-Berichts, der im November 2004 vorgestellt wurde (siehe  EurActiv 8 November 2004).

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